Ingvar Ambjørnsen: Eine lange Nacht auf Erden

AmbjornsenIn Berlin-Pankow ist die Buchhandlung Pankebuch zu Hause, die sich auf Bücher des Nordens spezialisiert hat. Hier findet man eine gute Auswahl an skandinavischen und isländischen Autoren. Nun bin ich kein Krimi-Fan und dafür sind die Nachbarn im Norden ja berühmt. Vor Ort erfuhr ich aber, dass hinter dem wunderbaren norwegischen Film Elling (wer erinnert sich nicht an den liebenswerten Sauerkrautpoeten?!) ein Autor mit einer ganzen Romanreihe steht. Und dieser Autor, Ingvar Ambjørnsen, hat nun im Rotbuch Verlag einen weiteren Roman veröffentlicht.

Eine lange Nacht auf Erden ist eine tragikomische Geschichte über das Altern. Der Journalist Gedde sieht seinem 60. Geburtstag und der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Seine erfolgreichen Tage als Fernseh- und Zeitungsjournalist liegen hinter ihm. Nun lebt er vom Glanz vergangener Tage und widmet sich der Zusammenstellung von Kochbüchern. Zur Vorstellung seines Buches Die Belgische Küche reist er auf die Frankfurter Buchmesse. Auch hier ist der Verfall einer ganzen Branche deutlich zu spüren. Er trifft auf eine alternde Generation von Literaturschaffenden aus Norwegen und Schweden, die vor allem der Gedanke an eine gemeinsame Vergangenheit zusammenhält.

Gedde reist weiter nach Berlin, wo er in der Wohnung seiner verstorbenen Freundin Margot überwintern will. Doch zur Ruhe kommt er nicht. Wie schon sein literarischer Vorgänger Elling findet auch Gedde sich bald in einer WG wieder. Er bekommt Gesellschaft von der 70jährigen Prostituierten Adele Lusthoff, zu deren exklusivem Stammkundenkreis er sich zählen darf. Für musikalische Unterhaltung sorgt der ehemalige Zahnarzt Erkenbrod Effert, der sich nun lieber – bevorzugt ohne Kleidung – den Tasten von Margots Klavier widmet.

Eine lange Nacht auf Erden ist ein schrulliger Roman über das Älterwerden. Gedde & Co. haben den Jüngeren längst das Feld überlassen müssen, aber so ganz wollen sie ihren Platz noch nicht räumen. So machen sie es sich in ihrer Nische mehr oder weniger gemütlich – und entdecken auch die spaßigen Seiten des Alters. Das Buch ist großartige Unterhaltung, nicht zuletzt durch seine absurd-liebenswerten Figuren. Aber der Roman macht auch nachdenklich. Das Thema des Alterns lässt Raum für ein wenig Melancholie. Eine vergnügliche, aber keineswegs oberflächliche Lektüre. Empfehlenswert!

Ingvar Ambjørnsen: Eine lange Nacht auf Erden. Rotbuch Verlag Berlin 2013.
Print ISBN: 978-3-86789-173-8

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Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

Dehnel_24328_MR1.inddIrgendwie zieht es mich in letzter Zeit literarisch in neue Länder. In Estland war ich dieses Jahr lesetechnisch zu Gast, in der Türkei, im Irak. Nun war gerade Polen an der Reihe. Und ich war sehr positiv überrascht: Mein erster polnischer Roman war gleich ein Volltreffer! Als Star der jungen polnischen Literatur wird Jacek Dehnel in seinem Heimatland gefeiert. Den polnischen NIKE-Literaturpreis erhielt er bereits für einen Lyrikband. Da durfte man Einiges an sprachlichem Können erwarten.

Ungewöhnlich, dass sich ein polnischer Autor gerade Goya als Hauptfigur für seinen Roman aussucht. Aber gut, Dehnel ist auch Maler, da liegt das Thema dann doch relativ nahe. Wie steht es aber um den Leser? Nur ein Buch für Goya-Anhänger? Ich bin sicher keine Goya-Liebhaberin, aber ich war immer von seinen düsteren Bildern angezogen. Mir gefällt auch die Tatsache, dass er seiner Zeit so weit voraus war. Ein Goya-Spezialist muss man aber sicher nicht sein, um diesen Roman genießen zu können. Aber wer mit dem Thema Malerei so gar nichts anfangen kann, sollte vielleicht die Finger von dem Buch lassen.

Saturn beschreibt die Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem alten Meister Francisco und seinem Sohn Javier. Saturnismo bedeutet Bleivergiftung – verursacht durch das unter Malern damals weit verbreitete Bleiweiß -, und Javier war das einzige von Goyas zahlreichen Kindern, das überlebt hat. Der Roman beschreibt abwechselnd aus der Perspektive von Vater und Sohn ihre problematische Beziehung, gibt aber auch ein detailliertes Bild der damaligen Verhältnisse in Madrid: Politische Intrigen, Machtkämpfe am Hof, der Einmarsch der Franzosen, Krieg, Hunger. Letztendlich alles Themen, die in Goyas Malerei ihren Platz fanden.

Im Zentrum steht jedoch eine konfliktreiche Vater-Sohn-Beziehung. Da ist auf der einen Seite der alte Francisco, erfolgreicher Maler, Genie, Frauenheld, Lebemann, Choleriker. Und auf der anderen Seite der kränkliche Sohn, der nicht aus dem Schatten des genialen Vaters heraustreten kann. Einst kündigte Francisco seinen Sohn bei der Geburt an als „das Schönste, was Madrid je gesehen hat“. Jahre später macht er aus seiner Enttäuschung keinen Hehl mehr und versucht sie nicht einmal vor seinem Sohn zu verbergen.

Nach ungefähr der Hälfte des Buches stirbt der alte Goya. Eine kleine Enttäuschung machte sich bei mir breit, so gut gefielen mir die Streitereien der beiden. Aber Dehnel baut eine Vermutung in den Roman ein, die bisher unter Kunsthistorikern umstritten ist: Einige Wissenschaftler glauben, dass die Serie der schwarzen Bilder, die Goya auf seinem Landsitz malte, nicht von ihm stammen. Und in Dehnels Roman tritt Javier nach dem Tod seines übermächtigen Vaters aus dessen Schatten und beginnt zu malen…

Mich hat der Roman von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert. Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt. Die bildhafte Sprache führt einen direkt ins Madrid des angehenden 19. Jahrhunderts. Ein sehr ungewöhnlicher und extravaganter Roman, der aber sicher seine Leser finden wird.

Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya. Carl Hanser Verlag München 2013. Print ISBN: 978-3-446-24328-6

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Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande

BostKleine Verlage am Großen Wannsee hieß eine Veranstaltung des Literarischen Colloqiums, die letzten Monat in Berlin stattfand. Neben einzelnen Lesungen zogen mich vor allem die Verlagsstände an. Endlich konnte ich mal all die Bücher in Augenschein nehmen, die den Weg in die großen Buchhandlungen nur selten finden. Ich ließ mir also jeweils von den Verlegern ihre Lieblingsbücher und Favoriten vorstellen. Wer könnte da schon bessere Empfehlungen aussprechen als die Verleger selbst? Eines war mir sehr schnell klar: Kleinverleger arbeiten aus Leidenschaft, und nur in zweiter Linie für das Geld. Jedenfalls war eine Begeisterung zu spüren, die man sich bei so manchem Buchkauf in den Läden wünschen würde.

Kurzum, mein Portemonnaie war innerhalb einer Stunde leer. Vom Dörlemann Verlagsstand ging ich mit dem Roman Ein Sonntag auf dem Lande von Pierre Bost nach Hause. Ganz unbekannt ist der Titel nicht, ich habe ihn kürzlich in einigen Newslettern, Rezensionen und Empfehlungen wiederentdeckt. Laut Nachwort gehörte Pierre Bost zu den wichtigsten französischen Journalisten und Literaten der 20er und 30er Jahre. Aus dem Jahr 1945 stammt der 140 Seiten kurze Roman, der 2013 bei Dörlemann erschien. Die Handlung spielt Anfang der 20er Jahre. Entsprechend neugierig war ich auf die Geschichte: Ohne Zeitmaschine würde es wohl nicht gehen.

Die Handlung ist schnell erzählt: Monsieur Ladmiral hat sich nach – zumindest finanziell – einigermaßen erfolgreicher Karriere als Maler in sein kleines Haus auf dem Land zurückgezogen. Der Roman beschreibt die Routine eines typischen Sonntags in seinem Leben. Pünktlich mit dem Zug aus Paris trifft sein Sohn Edouard mit Ehefrau und den drei Enkeln im Dorf an. Es folgt der Spaziergang vom Bahnhof zum Haus, das Mittagessen, der Kaffee im Garten, der Mittagsschlaf. Viel mehr passiert nicht. Langsam und geschmeidig tröpfelt die Handlung vor sich hin. Bis Edouards Schwester Irène auftaucht, ein krasser Gegensatz zu ihrem tugendhaften und konservativen Bruder: Geschäftsfrau, modern und unverheiratet, verzichtet sie trotzdem nicht auf ein Liebesleben. Das Aufeinanderprallen von alter Welt und Moderne ist in dem Roman ganz klar zu spüren. Landleben, geregelte Abläufe, Kirchgänge auf der einen Seite, Spritztouren im Auto und elegante Garderobe auf der anderen Seite.

Der Autor spielt überhaupt viel mit Gegensätzen. Ein Sonntag auf dem Lande ist ein gleichzeitiges ruhiges aber auch sehr spannendes Buch. Das machte für mich seinen ganz besonderen Reiz aus. Hinter einer sehr leisen, fast schon melancholischen Oberfläche spürt man eine komplexe und lebendige Gefühlswelt, die aber größtenteils im Verborgenen bleibt. Ein Eklat à la „Das Fest“ wird nicht geboten. Aber die Emotionen und Ressentiments der Figuren sind auf fast jeder Seite spürbar und schaffen so eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich denke, dieser Roman wird auch den Weg in die eine oder andere große Buchhandlung finden. Für mich war es jedenfalls die perfekte Altweibersommer-Lektüre.

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande. Dörlemann Verlag, Zürich 2013
Print ISBN: 978-908777-85-4

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Katja Huber: Coney Island

ConeyIslandDie Zahl der monatlichen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt steigt immer weiter an – und das trotz oder gerade wegen der Krise des Verlagswesens. Ob das nun auch die Zahl der qualitativ guten Bücher steigen lässt, sei dahin gestellt. Ich staune jedenfalls in den Buchläden immer wieder, wie viele Krimis monatlich auf den Markt geschmissen werden. So viel Mord, Totschlag und Erpressungsvarianten kann es doch gar nicht geben?

Nun hielt ich also neulich Coney Island von Katja Huber in der Hand. Eine Entführungsgeschichte. Meine erste Reaktion, hm, eher nein. Zu oft erzählt. Aber dann las ich im Klappentext, dass der Entführte ein Borderline-Experte ist und auf einen Freak und seine demenzkranke Mutter trifft. Aha, also kein richtiger Krimi, eher ein absurd-komischer Roman. Das ist schon eher nach meinem Geschmack.

Der Protagonist Steinberg, mit 80 Jahren nach erfolgreicher Karriere als Psychoanalytiker immer noch berufstätig, wird also auf dem Rückweg von einem Kongress in Europa am New Yorker Flughafen entführt. Sein Entführer David, um die 40 und von Mietschulden geplagt, hofft durch die Erpressung die anstehende Zwangsräumung abzuwenden. Er verschleppt Steinberg in seine Wohnung in Coney Island, in der er nach der Trennung von seiner Freundin wieder mit seiner verwirrten Mutter lebt.

Die Geschichte spinnt sich um die Entführung und die drei o. g. Figuren: David, von Natur aus eher entscheidungsunfreudig und tolpatschig, stellt sich bei der Entführung und Lösegeldforderung mehr als dämlich an. Steinberg, der damals seine Flitterwochen mit seiner inzwischen verstorbenen Frau in Coney Island verbrachte, beginnt sich mit dem Verlust seiner Frau auseinander zu setzen. Selma, Davids Mutter, hat Mühe zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden.

Durch die Einführung zahlreicher weiterer Figuren und Episoden erinnert der Roman jedoch streckenweise eher an eine Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Immigrantenmilieu von Coney Island: Da ist Serjosha, ein Fotograf/Kellner, der sich in Steinbergs Sekretärin verliebt. Leo, ein leidenschaftlicher Maler, der sich als Pfleger um Davids Mutter kümmert. Die Rede ist auch von Yana, Natasha, Iwan, und, und und.

Coney Island ist von der Erzählstruktur wirklich ein sehr ungewöhnliches Buch. Ich fand die Vielfalt der Erzählebenen und -perspektiven anfangs etwas übertrieben. Man gewinnt den Eindruck, dass keine der Figuren eine wirkliche Kontur erhält. Aber mir gefiel diese Erzählweise im Laufe des Buches immer besser. Die Charaktere verschwinden, kaum dass man sich an sie gewöhnt hat. Aber sie hinterlassen trotzdem eine kleine, dezente Spur.

Ja, ungewöhnlich fand ich das Buch. Eine streckenweise chaotische Erzählweise, die kaum einen Handlungsstrang so richtig zu Ende führt. Und doch hat es mir letztendlich gefallen. Vielleicht gerade weil es eben kein Krimi ist, der von einem konsequenten Spannungsbogen lebt, der wiederum zwangsläufig zu einem Ergebnis führt. Coney Island erinnert eher an ein zufälliges Mosaik von Charakteren, Begegnungen und Bekanntschaften. Wer sich als Leser mal treiben lassen will, könnte hier richtig sein.

Katja Huber: Coney Island. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2012
Print ISBN 978-3-905951-13-4

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Matthew Quick: Silver Linings

SilverLiningsIch weiß nicht, wie Ihr es mit verfilmten Romanstoffen haltet. Wenn ich einen richtig guten Film gesehen habe, reizt mich der Roman eigentlich nicht mehr. Die Geschichte kenne ich ja schon und so eine Lektüre lebt ja auch von Überraschungsmomenten. Vor allen Dingen soll mir ein Roman Raum für Phantasie bieten. Bilder und ganze Welten sollen in meinem Kopf neu entstehen. Feuerwerke. Da klebe ich dann zu sehr an den Bildern aus dem Film, als dass mein Hirn noch auf neue Ideen kommt.

Habe ich andersherum ein gutes Buch gelesen und schaue mir dann erst die Verfilmung mit meinen eigenen Bildern im Kopf an, meldet sich im Kino all zu gerne der kleine Klugscheißer in mir, „ach nee, das hätte ich jetzt aber ganz anders gemacht“.

Die Fälle, in denen mich Buch und Film in gleicher Weise fasziniert haben, kann man glaube ich an einer Hand abzählen. Auf die Schnelle fällt mir eigentlich nur In meinem Himmel von Alice Sebold/Peter Jackson ein.

Den Film Silver Linings habe ich letzten Winter im Kino verpasst. Obwohl er hochgelobt wurde, ein Oskar und mehrere Nominierungen waren dabei. Nun lief mir aber neulich in der Stadtbücherei die Romanvorlage über den Weg und da habe ich kurz entschlossen zugegriffen.

Silver Linings erzählt die Geschichte von zwei Außenseitern. Pat ist gerade aus der Psychiatrie entlassen worden und zieht mit Anfang 30 wieder bei seinen Eltern ein. Ein Vater, der die Zuneigung zu den Familienmitgliedern von den Erfolgen seiner Lieblings-Footballmannschaft abhängig macht und eine überfürsorgliche Mutter sind nicht gerade förderlich für die schnelle Genesung. Aber das ist ihm egal. Seine einzige Lebensaufgabe besteht darin, seine Frau Nikki zurückzuerobern. Seit seinem Psychiatrieaufenthalt der letzten Monate haben sie eine Auszeit genommen. Und die will Pat so schnell wie möglich beenden, in dem er a) seinen Körper wieder in Form bekommt und b) ein guter Mensch wird.

Bald dämmert aber dem Leser – und mit ihm dem amnesiegeplagten Pat – dass nicht nur einige Monate vergangen sind, sondern mehrere Jahre. Freunde von ihm haben auf einmal Kinder, die vorher nicht da waren…

Bei einer Dinnerparty wird ihm schließlich Tiffany vorgestellt. Auch sie ist nicht gerade der verhaltensunauffällige Typ. Gerade hat sie ihren Job verloren, weil sie mit allen Männern im Büro geschlafen hat. Pat scheint ihr nächstes Opfer zu sein. Seine Entrüstung kann man sich vorstellen, schließlich ist er verheiratet. Aber so ganz kann er sie nicht zurückweisen, denn sie will ihm helfen, seine Frau zurückzuerobern. Aus der anfänglichen Zweckbeziehung entwickelt sich langsam eine Freundschaft. Und irgendwann muss sich Pat fragen, ob seine Ehe mit Nikki wirklich so perfekt war, wie er sie in seiner Erinnerung schönt.

Silver Linings ist keine lustige Geschichte. Dennoch hat die Sprache eine gewisse Leichtigkeit an sich. Pat, der seine eigene Geschichte erzählt, hat oft Mühe sich in der komplexen Realität zurechtzufinden. Und so muss er seine Umgebung in Gedanken oft vereinfachen. Dazu passt diese bisweilen etwas naive Sprache sehr gut.

Silver Linings ist vielleicht kein weltbewegendes Buch. Aber eine bewegende Geschichte. Mir hat sie jedenfalls gefallen.

Ob ich den Film noch schaue, weiß ich nicht.  Bradley Cooper in der Rolle des Pat? Geht doch gar nicht.

Matthew Quick: Rowohlt Verlag Reinbeck bei Hamburg 2013
ISBN: 978-3-463400815

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Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

KöhlmeierHimmel, was für ein grandioses Buch! Dieser Gedanke schlich sich bei mir bereits nach einigen Kapiteln ein, verfestigte sich von Seite zu Seite, und auch zum Ende kam ich zu keiner neuen Erkenntnis. Auf 652 Seiten keine Längen aufkommen zu lassen, ist schon eine Kunst an sich. Aber dass mich ein Buch so fasziniert, ist mir lange nicht mehr passiert.

Die Abenteuer des Joel Spazierer liest man nicht mal eben so nebenbei. Und damit meine ich nicht die Textlänge. Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Auf Joel Spazierer muss man sich einlassen. Dieser Mann zog mich in seinen Bann, wie es selten eine Romanfigur schafft. Und mich beschlich dabei ein etwas seltsames Gefühl. Denn Spazierer ist alles andere als der Mann, den man sich zum besten Freund wünscht. Er ist ein Hochstapler, Lügner, Dieb, Mörder, Stricher und Dealer.

Joel Spazierer – das ist nur eine seiner vielen Identitäten. Als András Fürlöp wird er 1949 in Budapest geboren, als angeblicher Thälmann-Enkel Dr. Ernst-Thälmann Koch bittet er gegen Ende des Romans in der DDR um Asyl. Schon seine Episoden als Intimfreund von Honecker und Mielke sind die Lektüre dieses Romans wert!

Die Erzählung beginnt Anfang der 50er Jahre in Budapest, als Stalins Terror auch Ungarn erreicht. András Fürlöp wächst bei seinen Großeltern, einem Arzt und einer Ägyptologin, auf. Die Paranoia der Ärzteverschwörung gegen die politische Spitze rund um Stalin führen zur Festnahme und Folter der Großeltern. Der knapp vierjährige András bleibt fünf Tage und vier Nächte allein zurück, bis ihn seine Mutter schließlich findet.

Diese vier Nächte prägen András Charakter mehr als alles andere, so auch die Meinung des Protagonisten. Er ernennt sich selbst zum Herrscher über sein kleines Reich und entwickelt regelrechte Allmachtsphantasien. Er baut eine Straße aus Blumenerde, postiert die Knöpfe der Sofakissen als Volk am Straßenrand und spricht zu ihnen. Mit einer Decke um die Schultern erkennt er zunächst sich selbst im Spiegel und dann den König aus seinem Märchenbuch. Im Traum erscheinen ihm Tiere, die ihn fortan durch sein Leben begleiten und ihn immer schützen werden.

Es folgt die Flucht der Familie nach Wien, die ersten Diebstähle, eine Zeit als Strichjunge und Erpresser. Eine abenteuerliche Reise nach Oostende mit einem verrückten ungarischen Major auf der Flucht nach Amerika. Eine Rückreise zu Fuß durch die Wälder in Begleitung eines geflohenen schwarzen G.I.s. Der erste Einbruch, der erste Mord, die Verurteilung, Gefängnis. Keine Reue, nur weitere Morde, Abenteuer und Absurditäten.

Goldbraune Locken, unschuldige Sommersprossen, Intelligenz und sein Lächeln – damit täuscht er immer wieder seine Umwelt und zwingt die Welt in die Knie. Auch als Leser kann man sich seinem Charme nur schwer entziehen. Joel Spazierer präsentiert sich nicht als seelenloser Psychopath, sondern als Sympathieträger, der nur zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden kann. Neugierig und ohne jegliche moralische Wertung tritt er jedem und allem im Leben entgegen. An vielen Stellen hat man den Eindruck, dass der Protagonist nur das ausführt, wozu ihn seine Mitmenschen unbewusst animieren. Das Schlechte existiert in jedem von uns, zumindest in unseren Träumen.

Der Roman ist ein absoluter page turner, auch wenn an vielen Stellen die rasante Handlung von recht langen philosophischen Überlegungen abgelöst wird. Eine abenteuerliche Reise durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Skurrile Ereignisse im Leben des Joel Spazierer gepaart mit einer guten Portion europäischer Geschichte.

Auch sprachlich hat mich das Buch sehr überzeugt. Bildhaft, elegant, mit einem philosophischen Unterton, der alles andere als trocken ist. Für mich eines der besten Bücher 2013.

Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer
Carl Hanser Verlag München 2013. ISBN 978-3-446-24178-7

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Alper Canigüz: Secret Agency

CanigüzIrgendwann im Teenageralter begann ich sehr zum Leidwesen meiner Eltern Comichefte statt Büchern zu verschlingen. Um ganz genau zu sein, waren es eigentlich nur die Donald Duck Hefte. Dass ich nach einigen Jahren doch noch auf den rechten Pfad zurückfand, ist Douglas Adams zu verdanken. Per Anhalter durch die Galaxis entsprach damals meinen Erwartungen an ein gutes Buch: Gute Story, skurriler Inhalt und garantiert keine komplizierten Sätze, die man zweimal lesen müsste, bevor der Groschen fällt.

Bei den derzeit steigenden Temperaturen ist mir nicht nur nahrungstechnisch nach leichterer Kost. Auch der Lesestoff darf zur Zeit etwas weniger gewichtig sein – bei gleichbleibender Qualität. Mit Douglas Adams bin ich allerdings durch, mit Jasper Fforde ebenso. Nun fiel mir der Roman Secret Agency vom kleinen, aber feinen Binooki Verlag wieder ein. Die Leseprobe hatte sich ja schon vielversprechend angehört.

Der Roman hielt für mich, was die Leseprobe versprach. Eine herrlich absurde Geschichte von dem meist raki-dunst-umhüllten Werbetexter Musa, der in seiner neuen Agentur in eine temporeiche Mordgeschichte verwickelt wird. Einziger Kunde der Agentur ist eine esoterische Lebensberatung, die zufällig im gleichen Haus wie Musas Privatleben angesiedelt ist. Sein Werbetexter-Vorgänger ist übrigens spurlos verschwunden, zurück ließ er nur eine merkwürdige Broschüre über die Lebensberatung. Und auch ein Mieter aus dem Haus ist bereits verstorben…

Secret Agency gehört zu den Büchern, bei denen man an mancher Stelle ein lautes Lachen nicht unterdrücken kann. „Das ist jetzt nicht sein Ernst“ – auch dieser Gedanke ging mir öfters durch den Kopf, so absurde Wendungen nimmt die Geschichte. Aber Ernst kann gerne bis zum Herbst warten. Selten fühlte ich mich so großartig unterhalten.

Alper Canigüz: Secret Agency. binooki OHG, Berlin 2013
ISBN: 978-3-943562-08-8

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