Lisa O’Donnell: Bienensterben

GŠrtner_Roth_Benehmt euch_ebook.indd„Heute hab ich meine Eltern im Garten begraben. Geliebt wurden sie beide nicht“. So der Prolog aus Lisa O’Donnells großartigem Roman Bienensterben. Die Einführung weckte bei mir zunächst Erwartungen in Richtung Brutalo-Literatur à la Stieg Larson. Weit gefehlt – Bienensterben erzählt von Bindungen und Freundschaften, einer Geschwister-Hassliebe und einer zerbrochenen Familie im heutigen Glasgow.

Ein Jahr aus dem Leben von Marnie, Nelly und ihrem schwulen Nachbarn Lennie schildert der Roman. Marnie und Nellys Eltern sind zu Beginn der Geschichte bereits tot. Der Vater wurde ermordet – von einer der beiden Schwestern, so viel scheint klar -, die Mutter hat sich erhängt. Da beide Mädchen noch minderjährig sind, scheinen die Konsequenzen vorhersehbar: Jugendgefängnis, Heim, Erziehungsanstalt. Also begraben sie ihre Eltern, erzählen von einer Reise der beiden in die Türkei und versuchen mit den Schecks von der Wohlfahrt und Gelegenheitsjobs ihr Leben zu bestreiten. Dabei steht ihnen der alte Nachbar Lennie so gut es geht zur Seite.

Der Roman ist aus Sicht der drei Protagonisten geschrieben. Die Perspektiven von Marnie, Nelly und Lennie wechseln sich ab und erzählen im Rückblick von einem verwahrlosten Elternhaus, Junkie-Eltern, einem gewalttätigen Großvater. Und vom Versuch der Schwestern, den Dealerkollegen des Vaters und neugierigen Nachbarn, Lehrern und Erziehern aus dem Weg zu gehen. Marnie hält als Ältere die Fäden in der Hand. Nellys Beiträge gelangen in der ersten Romanhälfte jeweils kaum über eine halbe Seite hinaus. Aber auch sie versucht, die Kontrolle über die Situation zu erlangen und findet Seite für Seite zu ihrer Stimme zurück.

Schonungslos und schnoddrig der Stil von Marnie, eine ungewöhnlich erwachsen wirkende Nelly und der stets besorgte Lennie – jede Figur entwickelt ihre ganz eigene Sprache und Sicht auf die Dinge. So setzt sich Stück für Stück eine Familientragödie zusammen, die sich von dem tristen Glasgower Hintergrund kaum abheben kann. Doch trotz der widrigen Umstände bewahren sich die Schwestern ein Stück weit Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In beiden entdeckt man im Laufe der Lektüre Talente und menschliche Stärken, die auf ein winziges Happy End hoffen lassen.

Fazit: Ein Roman, der trotz des Themas Nächstenliebe an keiner Stelle in Kitsch oder Klischees abrutscht. Unverblümt und ungeschönt. Vielleicht gerade deshalb sehr lesenswert.

Lisa O’Donnell: Bienensterben. DuMont Buchverlag, Köln 2013
Print-ISBN: 978-3-8321-9728-5

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