Kate Atkinson: Die Unvollendete

AtkinsonWenn man die Chance hätte, sein Leben immer wieder neu zu beginnen und Fehler zu korrigieren, würde man letztendlich wirklich ein perfektes Leben leben können? Um diese Frage geht es bei Kate Atkinsons Roman Die Unvollendete.

Kate Atkinson war mir bisher ehrlich gesagt kein Begriff. Vielleicht weil sie normalerweise eher in der Krimi-Ecke zu finden ist? Ich wurde das erste Mal auf ihren Namen aufmerksam, als der Droemer Verlag ihren Besuch bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ankündigte – der dann aber leider ausfallen musste. Trotzdem, die Idee zum Buch fand ich charmant und ich wurde auch von der Umsetzung nicht enttäuscht.

Der Roman erzählt die Geschichte – oder besser gesagt (Alternativ-) Geschichten der Ursula Todd. 1910 wird sie in England geboren, doch der erste Start ins Leben geht schief: Sie wird von der Nabelschnur erwürgt und stirbt, ohne einen Blick auf die Welt werfen zu können. Ursula erhält eine zweite Chance, und dieses Mal geht alles gut. Nach diesem Muster ist der Roman aufgebaut. Ursula scheitert immer wieder an verschiedenen Punkten ihres Lebens. Als kleines Mädchen rutscht sie vom Dach und ertrinkt im Meer, später stirbt sie an der spanischen Grippe oder begeht Selbstmord im Berlin der letzten Kriegstage 1945.

Doch sie erhält immer wieder die Chance, zu ihrem persönlichen Punkt Null im Jahr 1910 zurückzukehren. Bewusst ist ihr dies nicht. Sie leidet lediglich an einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Déjà Vus. Sobald ihr eine Situation vertraut vorkommt,  handelt sie instinktiv anders, und verbessert dabei nicht nur die Qualität ihres eigenen Lebens, sondern auch das ihrer Nächsten. Doch über einen bestimmten Punkt scheint sie nicht hinauszukommen. Führen anfangs die Korrekturen noch zu einem längeren und erfüllteren Leben, muss sie bald an anderen Stellen Abstriche machen, um manche Fehler wirklich vermeiden zu können.

Beim Lesen fühlte ich mich sehr an die britische TV-Serie Downton Abbey erinnert, die im England zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt. Zwar geht es bei Atkinson nicht um den Adel, sondern lediglich um eine gut situierte englische Familie. Doch auch in Die Unvollendete spielen natürlich der Erste Weltkrieg und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen dieser Zeit eine große Rolle. Die Engländer scheinen z. Zt. diese Epoche für sich entdeckt zu haben.

Mir hat der Roman ausgesprochen gut gefallen. Man begleitet einen Menschen, der verzweifelt versucht, für sich selber und für seine Familie das Beste aus der Welt herauszuholen, und dabei immer wieder scheitern muss. Kleine Details und Wendungen entscheiden dabei über den Verlauf eines ganzen Lebens. Z. B. ob man den zweiten Weltkrieg als Bombenhelferin in London verbringt oder als enge Freundin von Eva Braun auf dem Berg. Der Roman ist somit auch ganz nebenbei ein interessanter Streifzug durch die deutsche und englische Geschichte der 30er und 40er Jahre.

Kate Atkinson: Die Unvollendete. Droemer Verlag München 2013
Print-ISBN: 978-3-426-19981-7

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10 Antworten zu Kate Atkinson: Die Unvollendete

  1. nettebuecherkiste schreibt:

    Ursprünglich kommt Kate Atkinson gar nicht aus dem Krimi-Genre, das neue Buch ist eher ein „Back to the Roots“ 🙂 Ihr Erstling, „Behind the Scenes at the Museum“ (dt. Familienalbum) ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, kann ich dir wärmstens empfehlen. Ich freue mich riesig, dass Kate Atkinson jetzt so ein Buch geschrieben hat, denn ich bin auch kein Krimifan 😉

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Danke für den Hinweis. Ich hatte etwas von einer Detektivfigur gelesen, daher ging ich von einer Krimiautorin aus. Dann werde ich „Familienalbum“ mal auf meine Liste setzen, denn die Autorin und vor allem ihr Schreibstil haben mir sehr gut gefallen.

      • nettebuecherkiste schreibt:

        Ja, sie hat auch eine ganze Reihe von Krimis geschrieben, sind mittlerweile sogar verfilmt (Case Histories). Aber bekannt wurde sie mit „Behind the Scenes at the Museum“, hat damals glaub ich in England auch irgendeinen Preis gewonnen (Whitbread oder so) 🙂

      • brunnenwaechterin schreibt:

        Das hört sich gut an. In das „Familienalbum“ werde ich auf jeden Fall mal reinlesen.

  2. literaturen schreibt:

    Erinnert mich von seiner Struktur ein bisschen an Jenny Erpenbecks „Allter Tage Abend“, auch da wird ein Leben unter verschiedenen Voraussetzungen immer wieder auf’s Neue begonnen, eine interessante Idee. Wer hat sich dasnicht schonmal gewünscht?

    • literaturen schreibt:

      „Aller Tage Abend“ heißt es natürlich ..

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Von dem Buch von Jenny Erpenbeck hatte ich auch schon mal gehört. Ja, die Idee ist sehr interessant, aber mich hat das „Fazit“ der Geschichte bei Atkinson auch überzeugt: Man kann nicht alles richtig machen, egal wie viele Gelegenheiten man hat. Das macht ja auch irgendwie das Menschsein aus 😉

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Das Buch hatte ich im Buchladen auch schon in der Hand, hatte aber dann befürchtet, dass es sich um eine seichte Lektüre handelt. Lustig, da es dir scheinbar mit dem Buch von Alina Bronsky ähnlich erging. Nun werde ich auf jeden Fall mal einen Blick reinwerfen. 🙂

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Stimmt, das ist eine lustige Überschneidung. Nein, seicht ist es nicht. Ich musste mich erst etwas einlesen, da mich die Sprache am Anfang nicht ganz überzeugte (zu viel direkte Rede für meinen Geschmack). Aber die Geschichte überzeugt und regt zum Nachdenken an.

  4. nicolas schreibt:

    Tönt ja spannend.
    Danke für das Vorstellen!

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