Ernst Haffner: Blutsbrüder

HaffnerBei den vielen Neuerscheinungen des Herbstes wird mir langsam schwindelig. Es ist schon eine Herausforderung, unter der Vielzahl der neuen Bücher auch das richtige zu finden. Mit Blutsbrüder lag ich 200% richtig und habe dabei auch noch einen neuen Verlag für mich entdeckt. Der Metrolit Verlag verlegt vor allem Großstadt-Bücher: Romane, Erzählungen und Graphic Novels, zum Beispiel über Berlin.

Als Berlinerin mit Interesse an neuerer Geschichte konnte ich mit Blutsbrüder aus dem Jahr 1932 nicht viel falsch machen. Ich erwartete eine mehr oder weniger traurig-faszinierende Geschichte im Stil von Fallada. Doch Blutsbrüder ist mehr als eine Alltagsgeschichte vor historischem Hintergrund. Es ist ein Stück Zeitzeugnis, ein detailliertes Porträt einer ganzen Gesellschaftsgruppe in Romanform. Schon ein Jahr nach Erscheinen wurde das Buch von den Nazis verboten und verbrannt. Nun hat es der Metrolit Verlag wiederentdeckt und neu verlegt.

Blutsbrüder nennt sich eine Clique von neun obdachlosen Jugendlichen im Alter von 16 bis 21 Jahren. Sie sind eine Bande unter vielen, in denen sich Jugendliche im Berlin der 20er und 30er Jahren organisieren. Sie sind späte Opfer des ersten Weltkrieges. Elternlos finden sich viele in den staatlichen Fürsorgeanstalten wieder, in denen physische und psychische Gewalt an der Tagesordnung sind. Der eine oder andere wagt die Flucht, das Ziel ist stets Berlin. Nur die Großstadt bietet einerseits die nötige Anonymität um unterzutauchen und andererseits genug Gleichgesinnte, um Anschluss zu finden. Denn allein auf sich gestellt, ohne Papiere und mit dem Namen auf der Fahndungsliste, ist ein Überleben kaum möglich. Doch die Cliquenmitglieder halten nicht nur aus rein praktischen Gründen zusammen. Untereinander finden sie das nötige Maß an sozialer Wärme und Unterstützung, um das Leben auf der Straße überhaupt auszuhalten.

Ernst Haffner war als Sozialarbeiter in Berlin unterwegs, das merkt man dem Buch an. Im Detail beschreibt er den Lebensalltag der Jugendlichen, den Kampf um den nächsten Schlafplatz, die Prostitution, die unmenschlichen Fürsorgeanstalten, die ständige Flucht vor Polizei und Behörden. Aber auch wenn viele Bandenmitglieder auf der Strecke bleiben, so schreibt er auch von Freundschaft, Träumen und der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Blutsbrüder ist ein ungeschöntes Buch. Eine rauhe Geschichte vor rauhem Hintergrund. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die liebevolle Beschreibung der Figuren. Hinter Kriminalität, Gewalt und Prostitution bleibt bei Haffner stets der Mensch erkennbar. Er beschreibt seine Figuren als Opfer, nicht als Täter.

Und ja, warum sollen nicht auch Sozialarbeiter gut schreiben können?! Sprachlich überzeugt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit: Absolut lesenswert!

Ernst Haffner: Blutsbrüder. Ein Berliner Cliquenroman. Metrolit Verlag Berlin 2013
Print-ISBN: 978-3-8493-0068-5

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3 Antworten zu Ernst Haffner: Blutsbrüder

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Bei deinem Fazit freue ich mich sehr darüber, dass das Buch bei mir schon im Regal steht! 😀

  2. schifferw schreibt:

    Ben Becker hat den Roman als Hörbuch auch für den Argon Hörbuch-Verlag eingelesen! Und auch hier kommt seine Qualität gut zum Tragen… Gute Grüße, Wolfgang

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