Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer

NayeriNach dem Comic und Film Persepolis, der mich schon restlos begeistert hatte, habe ich  nun auch einen sehr lesenswerten Roman über das Leben im postrevolutionären Iran entdeckt. Setzte sich Persepolis jedoch detaillierter mit den politischen Umwälzungen Ende der 70er Jahre auseinander, zieht sich Ein Teelöffel Land und Meer fast komplett in das Privatleben der Bewohner zurück.

Die Geschichte beginnt zwei Jahre nach der Revolution im Jahr 1981. Die 11jährige Saba verliert gleichzeitig ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester Mahtab. Wenn auch alle Welt vom Tod Mahtabs überzeugt ist, Saba hält an den Bildern ihrer Erinnerung fest: Sie hat ihre Mutter mit ihrer Schwester in Teheran in ein Flugzeug steigen sehen. Sie ist überzeugt, dass beide in den USA ein neues Leben ohne sie begonnen haben.

Der Roman erzählt vom Erwachsenwerden Sabas in einem Dorf im Norden des Landes. Ihr Vater ist konvertierter Christ und orientierte sich vor der Revolution sehr an der westlichen Kultur. Man ahnt schon zu Beginn, dass auch das Verschwinden seiner Frau mit den Werten der Familie in Zusammenhang stand. Schon aus diesen Gründen ist Sabas Vater darauf bedacht, nicht weiter aufzufallen. Er öffnet sein Haus gleichermaßen für Dorfbewohner und Mullahs, auf deren Schutz und Wohlwollen die kleine Familie von nun an angewiesen ist. Sabas heiß geliebte amerikanische Musik erhält sie ebenso wie englische Literatur und Filme nur noch auf heimlichem Wege über einen Verbindungsmann in Teheran. Bunte T-Shirts und lackierte Zehnnägel verschwinden nach und nach hinter immer farbloseren Gewändern.

Halt bekommt Saba von ihren beiden Jugendfreunden, der Dorfschönheit Ponneh und ihrer großen Liebe Reza. Dennoch verfolgt sie beharrlich ihren großen Traum: Den Iran zu verlassen und wie ihre Schwester in Freiheit in einem westlichen Land zu leben.

Ein Teelöffel Land und Meer ist ein grandios konstruierter Roman über den Alltag und das gesellschaftliche Leben im Iran der 80er und 90er Jahre. Wie das Dorfleben an sich, so gemächlich schiebt sich auch die Handlung des Romans voran – ohne dabei langweilig zu werden. Das Buch strahlt für mich trotz aller Ereignisse und Grausamkeiten eine gewisse Ruhe aus. Vielleicht liegt es an den geschlossenen Orten, die in dem Roman im Vordergrund stehen: Zu Hause spielt sich das gesellschaftliche und private Leben der Bewohner – vor allem der Frauen – ab. In den wenigen Szenen außerhalb der gewohnten Umgebung dominiert die Gewalt. Ein Marktbesuch führt zu einem Überfall der Sittenpolizei auf Ponneh wegen ihrer roten Schuhe. Bei einem Ausflug in einen Nachbarort wollen die jungen Frauen die Hinrichtung einer Muslimin mit heimlich aufgenommenen Fotos dokumentieren.

Trotz oder gerade wegen des einengenden Alltagsleben spielen jedoch auch die Fantasien eine große Rolle in dem Roman. Alle Sehnsüchte Sabas spiegeln sich in ihren Fantasien über das Leben ihrer Schwester in den USA wider. Als Geschichtenerzählerin unterhält Saba Nachbarn und Freunde mit den Abenteuern Mahtabs in Harvard, von ihren Sorgen und Nöten als Immigrantin, von ihren Männerbekanntschaften und Zukunftsplänen. Und malt sich dabei ihr eigenes Leben in nicht all zu ferner Zukunft aus.

Ein Teelöffel Land und Meer zählt für mich zu den besten Büchern dieses Jahres. Der Roman ist übrigens ein Debüt, ich bin gespannt auf den Nachfolger!

Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer. mareverlag Hamburg 2013
Print ISBN: 978-3-86648-013-1

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6 Antworten zu Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer

  1. saetzeundschaetze1 schreibt:

    Persepolis fand ich ebenfalls sehr gut und sehenswert. Die Rezension dieses Buches spricht mich sehr an – danke!

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Vielen Dank. Wenn dein Interesse für Persien schon geweckt ist, liegst du hier bestimmt nicht falsch. Obwohl sich Persepolis ja viel mehr mit dem politischen Umbruch auseinandersetzt. Nayeris Roman beschreibt eher den Wandel der Gesellschaft und die Zerrissenheit der Protagonistin zwischen zwei Lebensformen.

  2. IngridW schreibt:

    Eine hochinteressante Buchvorstellung, zumal Persepolis auch mich sehr begeistert hat!

  3. danares schreibt:

    Vielen Dank für die Vorstellung des Buches! Ist sofort auf meine Leseliste gewandert… 🙂 Viele Grüße, Andrea

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