Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

Dehnel_24328_MR1.inddIrgendwie zieht es mich in letzter Zeit literarisch in neue Länder. In Estland war ich dieses Jahr lesetechnisch zu Gast, in der Türkei, im Irak. Nun war gerade Polen an der Reihe. Und ich war sehr positiv überrascht: Mein erster polnischer Roman war gleich ein Volltreffer! Als Star der jungen polnischen Literatur wird Jacek Dehnel in seinem Heimatland gefeiert. Den polnischen NIKE-Literaturpreis erhielt er bereits für einen Lyrikband. Da durfte man Einiges an sprachlichem Können erwarten.

Ungewöhnlich, dass sich ein polnischer Autor gerade Goya als Hauptfigur für seinen Roman aussucht. Aber gut, Dehnel ist auch Maler, da liegt das Thema dann doch relativ nahe. Wie steht es aber um den Leser? Nur ein Buch für Goya-Anhänger? Ich bin sicher keine Goya-Liebhaberin, aber ich war immer von seinen düsteren Bildern angezogen. Mir gefällt auch die Tatsache, dass er seiner Zeit so weit voraus war. Ein Goya-Spezialist muss man aber sicher nicht sein, um diesen Roman genießen zu können. Aber wer mit dem Thema Malerei so gar nichts anfangen kann, sollte vielleicht die Finger von dem Buch lassen.

Saturn beschreibt die Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem alten Meister Francisco und seinem Sohn Javier. Saturnismo bedeutet Bleivergiftung – verursacht durch das unter Malern damals weit verbreitete Bleiweiß -, und Javier war das einzige von Goyas zahlreichen Kindern, das überlebt hat. Der Roman beschreibt abwechselnd aus der Perspektive von Vater und Sohn ihre problematische Beziehung, gibt aber auch ein detailliertes Bild der damaligen Verhältnisse in Madrid: Politische Intrigen, Machtkämpfe am Hof, der Einmarsch der Franzosen, Krieg, Hunger. Letztendlich alles Themen, die in Goyas Malerei ihren Platz fanden.

Im Zentrum steht jedoch eine konfliktreiche Vater-Sohn-Beziehung. Da ist auf der einen Seite der alte Francisco, erfolgreicher Maler, Genie, Frauenheld, Lebemann, Choleriker. Und auf der anderen Seite der kränkliche Sohn, der nicht aus dem Schatten des genialen Vaters heraustreten kann. Einst kündigte Francisco seinen Sohn bei der Geburt an als „das Schönste, was Madrid je gesehen hat“. Jahre später macht er aus seiner Enttäuschung keinen Hehl mehr und versucht sie nicht einmal vor seinem Sohn zu verbergen.

Nach ungefähr der Hälfte des Buches stirbt der alte Goya. Eine kleine Enttäuschung machte sich bei mir breit, so gut gefielen mir die Streitereien der beiden. Aber Dehnel baut eine Vermutung in den Roman ein, die bisher unter Kunsthistorikern umstritten ist: Einige Wissenschaftler glauben, dass die Serie der schwarzen Bilder, die Goya auf seinem Landsitz malte, nicht von ihm stammen. Und in Dehnels Roman tritt Javier nach dem Tod seines übermächtigen Vaters aus dessen Schatten und beginnt zu malen…

Mich hat der Roman von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert. Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt. Die bildhafte Sprache führt einen direkt ins Madrid des angehenden 19. Jahrhunderts. Ein sehr ungewöhnlicher und extravaganter Roman, der aber sicher seine Leser finden wird.

Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya. Carl Hanser Verlag München 2013. Print ISBN: 978-3-446-24328-6

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3 Antworten zu Jacek Dehnel: Saturn. Schwarze Bilder der Familie Goya

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich danke dir für diesen tollen Tipp und für die lesenswerte Vorstellung eines Romans, auf den ich noch gar nicht aufmerksam geworden war … 🙂 Puuuuh, meine Wunschliste ächzt und stöhnt zwar schon, aber die Geschichte klingt einfach so interessant und ganz so, als könnte sie mir gefallen. 🙂

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Liebe Mara, ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, dass du ein Buch übersiehst;-) Aber wenn ich an deine Buchvorstellungen denke, bin ich mir fast sicher, dass du Gefallen an dem Buch finden wirst. Es ist ein außergewöhnliches Buch und wird sicher kein Bestseller. Dafür ist es zu speziell. Aber wer das Außergewöhnliche mag, wird es schätzen.
      LG, Rita

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Das klingt hochinteressant, danke für den Tipp!

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