Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande

BostKleine Verlage am Großen Wannsee hieß eine Veranstaltung des Literarischen Colloqiums, die letzten Monat in Berlin stattfand. Neben einzelnen Lesungen zogen mich vor allem die Verlagsstände an. Endlich konnte ich mal all die Bücher in Augenschein nehmen, die den Weg in die großen Buchhandlungen nur selten finden. Ich ließ mir also jeweils von den Verlegern ihre Lieblingsbücher und Favoriten vorstellen. Wer könnte da schon bessere Empfehlungen aussprechen als die Verleger selbst? Eines war mir sehr schnell klar: Kleinverleger arbeiten aus Leidenschaft, und nur in zweiter Linie für das Geld. Jedenfalls war eine Begeisterung zu spüren, die man sich bei so manchem Buchkauf in den Läden wünschen würde.

Kurzum, mein Portemonnaie war innerhalb einer Stunde leer. Vom Dörlemann Verlagsstand ging ich mit dem Roman Ein Sonntag auf dem Lande von Pierre Bost nach Hause. Ganz unbekannt ist der Titel nicht, ich habe ihn kürzlich in einigen Newslettern, Rezensionen und Empfehlungen wiederentdeckt. Laut Nachwort gehörte Pierre Bost zu den wichtigsten französischen Journalisten und Literaten der 20er und 30er Jahre. Aus dem Jahr 1945 stammt der 140 Seiten kurze Roman, der 2013 bei Dörlemann erschien. Die Handlung spielt Anfang der 20er Jahre. Entsprechend neugierig war ich auf die Geschichte: Ohne Zeitmaschine würde es wohl nicht gehen.

Die Handlung ist schnell erzählt: Monsieur Ladmiral hat sich nach – zumindest finanziell – einigermaßen erfolgreicher Karriere als Maler in sein kleines Haus auf dem Land zurückgezogen. Der Roman beschreibt die Routine eines typischen Sonntags in seinem Leben. Pünktlich mit dem Zug aus Paris trifft sein Sohn Edouard mit Ehefrau und den drei Enkeln im Dorf an. Es folgt der Spaziergang vom Bahnhof zum Haus, das Mittagessen, der Kaffee im Garten, der Mittagsschlaf. Viel mehr passiert nicht. Langsam und geschmeidig tröpfelt die Handlung vor sich hin. Bis Edouards Schwester Irène auftaucht, ein krasser Gegensatz zu ihrem tugendhaften und konservativen Bruder: Geschäftsfrau, modern und unverheiratet, verzichtet sie trotzdem nicht auf ein Liebesleben. Das Aufeinanderprallen von alter Welt und Moderne ist in dem Roman ganz klar zu spüren. Landleben, geregelte Abläufe, Kirchgänge auf der einen Seite, Spritztouren im Auto und elegante Garderobe auf der anderen Seite.

Der Autor spielt überhaupt viel mit Gegensätzen. Ein Sonntag auf dem Lande ist ein gleichzeitiges ruhiges aber auch sehr spannendes Buch. Das machte für mich seinen ganz besonderen Reiz aus. Hinter einer sehr leisen, fast schon melancholischen Oberfläche spürt man eine komplexe und lebendige Gefühlswelt, die aber größtenteils im Verborgenen bleibt. Ein Eklat à la „Das Fest“ wird nicht geboten. Aber die Emotionen und Ressentiments der Figuren sind auf fast jeder Seite spürbar und schaffen so eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich denke, dieser Roman wird auch den Weg in die eine oder andere große Buchhandlung finden. Für mich war es jedenfalls die perfekte Altweibersommer-Lektüre.

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande. Dörlemann Verlag, Zürich 2013
Print ISBN: 978-908777-85-4

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