Katja Huber: Coney Island

ConeyIslandDie Zahl der monatlichen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt steigt immer weiter an – und das trotz oder gerade wegen der Krise des Verlagswesens. Ob das nun auch die Zahl der qualitativ guten Bücher steigen lässt, sei dahin gestellt. Ich staune jedenfalls in den Buchläden immer wieder, wie viele Krimis monatlich auf den Markt geschmissen werden. So viel Mord, Totschlag und Erpressungsvarianten kann es doch gar nicht geben?

Nun hielt ich also neulich Coney Island von Katja Huber in der Hand. Eine Entführungsgeschichte. Meine erste Reaktion, hm, eher nein. Zu oft erzählt. Aber dann las ich im Klappentext, dass der Entführte ein Borderline-Experte ist und auf einen Freak und seine demenzkranke Mutter trifft. Aha, also kein richtiger Krimi, eher ein absurd-komischer Roman. Das ist schon eher nach meinem Geschmack.

Der Protagonist Steinberg, mit 80 Jahren nach erfolgreicher Karriere als Psychoanalytiker immer noch berufstätig, wird also auf dem Rückweg von einem Kongress in Europa am New Yorker Flughafen entführt. Sein Entführer David, um die 40 und von Mietschulden geplagt, hofft durch die Erpressung die anstehende Zwangsräumung abzuwenden. Er verschleppt Steinberg in seine Wohnung in Coney Island, in der er nach der Trennung von seiner Freundin wieder mit seiner verwirrten Mutter lebt.

Die Geschichte spinnt sich um die Entführung und die drei o. g. Figuren: David, von Natur aus eher entscheidungsunfreudig und tolpatschig, stellt sich bei der Entführung und Lösegeldforderung mehr als dämlich an. Steinberg, der damals seine Flitterwochen mit seiner inzwischen verstorbenen Frau in Coney Island verbrachte, beginnt sich mit dem Verlust seiner Frau auseinander zu setzen. Selma, Davids Mutter, hat Mühe zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden.

Durch die Einführung zahlreicher weiterer Figuren und Episoden erinnert der Roman jedoch streckenweise eher an eine Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Immigrantenmilieu von Coney Island: Da ist Serjosha, ein Fotograf/Kellner, der sich in Steinbergs Sekretärin verliebt. Leo, ein leidenschaftlicher Maler, der sich als Pfleger um Davids Mutter kümmert. Die Rede ist auch von Yana, Natasha, Iwan, und, und und.

Coney Island ist von der Erzählstruktur wirklich ein sehr ungewöhnliches Buch. Ich fand die Vielfalt der Erzählebenen und -perspektiven anfangs etwas übertrieben. Man gewinnt den Eindruck, dass keine der Figuren eine wirkliche Kontur erhält. Aber mir gefiel diese Erzählweise im Laufe des Buches immer besser. Die Charaktere verschwinden, kaum dass man sich an sie gewöhnt hat. Aber sie hinterlassen trotzdem eine kleine, dezente Spur.

Ja, ungewöhnlich fand ich das Buch. Eine streckenweise chaotische Erzählweise, die kaum einen Handlungsstrang so richtig zu Ende führt. Und doch hat es mir letztendlich gefallen. Vielleicht gerade weil es eben kein Krimi ist, der von einem konsequenten Spannungsbogen lebt, der wiederum zwangsläufig zu einem Ergebnis führt. Coney Island erinnert eher an ein zufälliges Mosaik von Charakteren, Begegnungen und Bekanntschaften. Wer sich als Leser mal treiben lassen will, könnte hier richtig sein.

Katja Huber: Coney Island. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2012
Print ISBN 978-3-905951-13-4

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Buchkritiken und Lesetipps abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Katja Huber: Coney Island

  1. Tanja schreibt:

    So wie du den Erzähl- und Schreibstil beschreibst, scheint „Conny Island“ wahrlich ein sehr außergewöhnlicher Roman zu sein. Irgendwie fühlte ich mich direkt an den Schreibstil verschiedener Autoren erinnert, wie zum Beispiel an sämtliche Erzählungen von Christoph Ransmeyr. Es ist merkwürdig. Du hast in deinen abschließenden Zeilen geschrieben: „Wer sich als Leser mal treiben lassen will, könnte hier richtig sein!“ Denn genau das habe ich gedacht, während ich deine Besprechung gelesen habe. Du beschreibst dein Leseerlebnis so gut, dass man sich genau vorstellen kann, ob das Buch zu einem passt, oder nicht. Das finde ich toll! Wenn ich diesen Moment verspüre, mich mal wieder richtig treiben lassen zu wollen, dann werde ich mich an deine wundervolle Besprechung zu „Conny Island“ von Katja Huber zurückerinnern.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Tanja schreibt:

      Ich meine natürlich „Coney Island“! 😉

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Liebe Tanja, ja, es war ein seltsames Leseereignis. Alles, was man sonst so aus der Literatur kennt, fehlt in diesem Buch. Die klare Struktur, die Einheit der Perspektiven, etc. Einigen Qualitätsansprüchen wird es nicht ganz gerecht. Und trotzdem fesselte es mich dann, gerade wegen der fehlenden Klarheit. Wenn du dich gerne auf so etwas einlässt, passt das Buch zu Dir. Und Ransmeyr muss ich mir mal ansehen, danke für den Tip. LG, Rita

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s