Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

KöhlmeierHimmel, was für ein grandioses Buch! Dieser Gedanke schlich sich bei mir bereits nach einigen Kapiteln ein, verfestigte sich von Seite zu Seite, und auch zum Ende kam ich zu keiner neuen Erkenntnis. Auf 652 Seiten keine Längen aufkommen zu lassen, ist schon eine Kunst an sich. Aber dass mich ein Buch so fasziniert, ist mir lange nicht mehr passiert.

Die Abenteuer des Joel Spazierer liest man nicht mal eben so nebenbei. Und damit meine ich nicht die Textlänge. Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Auf Joel Spazierer muss man sich einlassen. Dieser Mann zog mich in seinen Bann, wie es selten eine Romanfigur schafft. Und mich beschlich dabei ein etwas seltsames Gefühl. Denn Spazierer ist alles andere als der Mann, den man sich zum besten Freund wünscht. Er ist ein Hochstapler, Lügner, Dieb, Mörder, Stricher und Dealer.

Joel Spazierer – das ist nur eine seiner vielen Identitäten. Als András Fürlöp wird er 1949 in Budapest geboren, als angeblicher Thälmann-Enkel Dr. Ernst-Thälmann Koch bittet er gegen Ende des Romans in der DDR um Asyl. Schon seine Episoden als Intimfreund von Honecker und Mielke sind die Lektüre dieses Romans wert!

Die Erzählung beginnt Anfang der 50er Jahre in Budapest, als Stalins Terror auch Ungarn erreicht. András Fürlöp wächst bei seinen Großeltern, einem Arzt und einer Ägyptologin, auf. Die Paranoia der Ärzteverschwörung gegen die politische Spitze rund um Stalin führen zur Festnahme und Folter der Großeltern. Der knapp vierjährige András bleibt fünf Tage und vier Nächte allein zurück, bis ihn seine Mutter schließlich findet.

Diese vier Nächte prägen András Charakter mehr als alles andere, so auch die Meinung des Protagonisten. Er ernennt sich selbst zum Herrscher über sein kleines Reich und entwickelt regelrechte Allmachtsphantasien. Er baut eine Straße aus Blumenerde, postiert die Knöpfe der Sofakissen als Volk am Straßenrand und spricht zu ihnen. Mit einer Decke um die Schultern erkennt er zunächst sich selbst im Spiegel und dann den König aus seinem Märchenbuch. Im Traum erscheinen ihm Tiere, die ihn fortan durch sein Leben begleiten und ihn immer schützen werden.

Es folgt die Flucht der Familie nach Wien, die ersten Diebstähle, eine Zeit als Strichjunge und Erpresser. Eine abenteuerliche Reise nach Oostende mit einem verrückten ungarischen Major auf der Flucht nach Amerika. Eine Rückreise zu Fuß durch die Wälder in Begleitung eines geflohenen schwarzen G.I.s. Der erste Einbruch, der erste Mord, die Verurteilung, Gefängnis. Keine Reue, nur weitere Morde, Abenteuer und Absurditäten.

Goldbraune Locken, unschuldige Sommersprossen, Intelligenz und sein Lächeln – damit täuscht er immer wieder seine Umwelt und zwingt die Welt in die Knie. Auch als Leser kann man sich seinem Charme nur schwer entziehen. Joel Spazierer präsentiert sich nicht als seelenloser Psychopath, sondern als Sympathieträger, der nur zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden kann. Neugierig und ohne jegliche moralische Wertung tritt er jedem und allem im Leben entgegen. An vielen Stellen hat man den Eindruck, dass der Protagonist nur das ausführt, wozu ihn seine Mitmenschen unbewusst animieren. Das Schlechte existiert in jedem von uns, zumindest in unseren Träumen.

Der Roman ist ein absoluter page turner, auch wenn an vielen Stellen die rasante Handlung von recht langen philosophischen Überlegungen abgelöst wird. Eine abenteuerliche Reise durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Skurrile Ereignisse im Leben des Joel Spazierer gepaart mit einer guten Portion europäischer Geschichte.

Auch sprachlich hat mich das Buch sehr überzeugt. Bildhaft, elegant, mit einem philosophischen Unterton, der alles andere als trocken ist. Für mich eines der besten Bücher 2013.

Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer
Carl Hanser Verlag München 2013. ISBN 978-3-446-24178-7

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3 Antworten zu Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

  1. Bücherphilosophin schreibt:

    Ich hatte im letzten Sommer „Madalyn“ von Köhlmeier gelesen, das man im Vergleich zum Spazierer ja fast schon als Büchlein beschreiben muss. 652 Seiten würden normalerweise eher abschreckend auf mich wirken, aber wenn das Buch wirklich so ein „page turner“ ist, wie Du schreibst, dann sollte ich mich vielleicht mal dran wagen. Danke für den Tipp!
    LG, Katarina 🙂

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Liebe Katarina,
      mit so umfangreichen Büchern ist das immer so eine Sache. Wenn einen die Geschichte nicht packt, kann das ziemlich quälend werden;-) Ich habe mich jedenfalls jeden Tag wieder auf den Roman gefreut. Madalyn steht auf meiner Wunschliste, der Autor macht wirklich Lust auf mehr. LG, Rita

  2. Liebe Rita,
    habe gerade die Idylle mir ertrinkendem Hund von Köhlmeier gelesen und war sehr sehr begeistert. Da freue ich mich schon auf den Joel Spazierer. Danke für die schöne Besprechung.
    Liebe Grüsse, Kai

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