Steven Uhly: Glückskind

GlückskindHanau liest ein Buch heißt ein Projekt, das alle zwei Jahre von der Stadtbibliothek Hanau ausgerichtet wird. An außergewöhnlichen Orten werden vom 23. bis 31. August 2013 literaturbegeisterte Hanauer aus dem gleichen Buch vorlesen. In den vergangenen Jahren konnte man Auszügen aus Herman Kochs Angerichtet oder Glattauers Gut gegen Nordwind lauschen. In der gleichen Liga rangiert für die Veranstalter Steven Uhlys Glückskind, das für den Sommer 2013 ausgewählt wurde. Der Secession Verlag war mir mit Predigt auf den Untergang Roms von Jérôme Ferrari bereits sehr positiv aufgefallen. In Hanau geht es also im kommenden Monat um ein weiteres Buch aus diesem noch jungen und sehr vielversprechenden Verlag.

Glückskind ist die Geschichte von Hans, einem 60jährigen Hartz IV-Empfänger. Ein Obdachloser mit Wohnung, so beschreibt er sich selbst. Sozial isoliert, Bart und Haare verfilzt und verdreckt, die Kleidung seit Monaten nicht gewaschen, die Wohnung verwahrlost – so wartet Hans jeden Tag nur darauf, dass es Abend wird und er wieder schlafen gehen kann. Jeder Gang nach draußen, jeder Kontakt mit den Behörden überfordert ihn. Als er sich eines Tages endlich dazu durchringt, wenigstens ein bisschen Müll zu entsorgen, findet er in den Mülltonnen vor seinem Haus ein wenige Wochen altes Baby.

Der Gedanke an Polizei oder Feuerwehr kommt ihm nicht in den Sinn. Hans folgt seinem Impuls und nimmt das Baby zu sich. Felizia – die Glückliche, so tauft er das Baby. Zunächst muss er den organisatorischen Part meistern: Babynahrung, Windeln, Kleidung müssen herbeigeschafft werden. Die Wohnung muss auf Vordermann gebracht werden. So beginnt Hans‘ Metamorphose zu einem zivilisierten Lebewesen.

Bald merkt er jedoch, dass er die Situation alleine nicht meistern kann. Der Besitzer vom Zeitungskiosk vor dem Haus und die persischen Nachbarn scheinen sowieso etwas zu ahnen. Kurzentschlossen weiht er sie ein und bekommt tatkräftige Unterstützung. Hans erschließt sich über Felizia aber nicht nur einen neuen Zugang zur Gesellschaft. Er muss sich nun auch mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzen. Und diese besteht aus einer verlorenen Familie – einer Ex-Frau und zwei erwachsenen Kindern, die er seit Jahren nicht gesprochen hat.

Glückskind beschreibt auf wundervolle Weise die Auseinandersetzung dieses Mannes mit seiner Vergangenheit. Mit der Verantwortung für Felizia übernimmt er auch die Verantwortung für sein eigenes Handeln. Stück für Stück beleuchtet er seine Vergangenheit, nimmt neue Perspektiven ein, verabschiedet sich von falschen Glaubenssätzen. Und beginnt sich selber und seine Umwelt endlich zu verstehen. Diese Wandlung beschreibt der Autor auf sehr einfühlsame und nachvollziehbare Weise. Bald fragt man sich als Leser, wer genau mit Glückskind eigentlich gemeint ist.

Das Buch war übrigens eine Empfehlung von der Indie-Buchhandlung Das Besondere Buch. Weil es so schön hoffnungsvoll sei. Das ist es auf jeden Fall.

Den Hanauern wünsche ich viel Spaß mit der Lektüre.

Steven Uhly: Glückskind. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2012
ISBN 978-3-905951-16-5

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4 Antworten zu Steven Uhly: Glückskind

  1. Ménard schreibt:

    Ach, was für ein herrlich fröhliches Sommerbüchlein.

  2. brunnenwaechterin schreibt:

    Ach, so unfröhlich war es gar nicht. Aber freu dich auf nächste Woche, da wird es wieder seichter. Skurril, aber sehr komisch…

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Das Buch habe ich auch vor einigen Wochen gelesen und war sehr angetan, auch wenn das Buch – für mein Empfinden – zwischenzeitliche Längen hat. Dennoch eine sehr schöne Lektüre. 🙂

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