Kurt Krömer: Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will

KrömerIch gehöre nicht gerade zu den aufmerksamen Fernsehguckern. Wenn der Apparat schon mal läuft, bin ich nebenbei mit tausend anderen Dingen beschäftigt. Das Stillsitzen ist nicht meins. So auch vor einigen Monaten, als eine von Kurt Krömers Late Night Shows aus dem Berliner Ensemble übertragen wurde. Aus dem Augenwinkel sah ich ein paar Filmaufnahmen von Krömer im Gespräch mit Bundeswehrsoldaten in einem Camp in Afghanistan und dachte mir: Irre, was die in Babelsberg so alles nachbauen.

Nun erschien aber letzten Monat Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will und ich staunte: Krömer war wirklich da. Sogar zweimal. Und darüber hat er nun ein Buch geschrieben. Ich vermutete trotz Afghanistan-Thematik eine eher humorvolle und seichte Lektüre. Und die kam mir irgendwie gerade recht.

Der erste Teil entsprach auch mehr oder weniger meinen Erwartungen. Krömer berichtet größtenteils recht unterhaltsam über die Einladung der Bundeswehr nach Afghanistan, die Anreise mit seinem Team und die Auftritte in den Camps. Irgendwie entstand bei mir aber zunächst der Eindruck der schnellen Zweitverwertung. Das Filmmaterial kommt in die Show, verbale Zusammenfassung ab ins Buch. Irgendwie fehlte ein bisschen die Substanz.

Ein Kapitel im ersten Teil hat mich allerdings sehr begeistert. Da präsentiert sich mal ein ganz anderer Krömer. Er spricht von seiner Zeit als Totalverweigerer ohne festen Wohnsitz in Berlin. Kein günstiger Ausgangspunkt, um sich eine Komiker-Karriere in der Öffentlichkeit aufzubauen. Monatelange Auftritte vor sieben bis acht Zuschauern in der Scheinbar. Rückschläge und Zweifel. Und nun muss er vor Soldaten auftreten, die ihn und seinen Humor größtenteils nicht kennen. Skeptische Zuschauer wie in seinen Anfangsjahren. Da läuft der Scheinbar-Film in seinem Kopf ein zweites Mal ab.

Nun gibt es aber noch einen zweiten Teil im Buch. Denn er reist ein weiteres Mal an, um das richtige Afghanistan kennen zu lernen. Bei Internetrecherchen stieß er vor seiner Abreise auf einen Musiker und dessen Manager und nimmt Kontakt auf. Sie werden seine Anlaufstelle in Kabul und ermöglichen ihm Einblicke in das Leben von Menschen, die seit 30 Jahren inmitten einer Kriegskulisse leben müssen. Krömers Einblicke in den Alltag Kabuls sind nicht nur interessant zu lesen. Man merkt auch, wie sie ihm emotional sehr nahe gehen. Er beschreibt, was er sieht – und was das mit ihm macht.

Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch. Ich mochte den Krömer ja irgendwie schon immer. Aber das Buch hat ihn mir noch ein ganzes Stück sympathischer gemacht.

Kurt Krömer: Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. ISBN: 978-3-462-04536-9

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