Sofi Oksanen: Fegefeuer

OksanenAlice Schwarzer ist laut Klappentext hellauf begeistert von diesem Roman. Nein, das war definitiv kein Kaufkriterium. Aber ich fragte mich im Laufe des Buches mehrmals, ob das Buch Männer ebenso fesseln würde wie mich. Fegefeuer war ein Nummer-1-Bestseller in Finnland, wurde in 32 Sprachen übersetzt und erhielt zahlreiche Preise. Da wird es doch auch ein paar männliche Leser gegeben haben.

Trotzdem, das Buch erzählt von der Welt der Frauen. Von weiblichen Lebensläufen in Russland und Estland. Von zwei Generationen.  Und von sehr viel Gewalt.

Die Geschichte spielt auf dem Hof von Aliide, in einem kleinen Dorf in Estland. Wie eine Theaterbühne wirkt das Haus, in dem die Figuren kommen und gehen. Nur einige Exkursionen nach Wladiwostock, Berlin und Tallinn – der Lebensweg der jungen Zara – unterbrechen diese zentrale Handlung.

Eines Morgens im Jahr 1992 findet Aliide die junge Russin Zara in ihrem Garten. Zerrissene Westkleidung, zerschundener Körper. Eine Russin, die estnisch spricht? Mit großem Widerwillen nimmt Aliide Zara bei sich auf. Der Leser erfährt bald, dass Zara auf der Flucht vor ihren Zuhältern ist. Aliide weiß davon lange nichts. Aber sie spürt die Gewalt in Zaras Vergangenheit und wird unwillkürlich an ihre eigene Geschichte erinnert. Was Aliide ebenfalls nicht weiß: Zara ist nicht zufällig auf ihrem Hof gelandet. Sie ist die Enkelin ihrer Schwester, von der sie seit den 50er Jahren nie wieder gehört hat. Man ahnt, dass etwas passiert sein muss, das die beiden Schwestern für immer auseinander getrieben hat.

Der Roman enthüllt nun Stück für Stück die Lebensgeschichte der Frauen. Zara aus Wladiwostock träumt von einem Medizinstudium. Sie will im Ausland das Geld dazu verdienen und wird von einem Zuhälterring nach Deutschland gelockt. Auch Aliide hatte einst ihre Träume, eine nicht unwichtige Rolle spielte darin der Mann ihrer Schwester.

Die deutsche Besatzung und der Einmarsch der russischen Armee in Estland auf der einen Seite, Zwangsprostitution auf der anderen Seite – Süßholzgeraspel habe ich hier nicht erwartet. Nüchtern und doch sehr wirkungsvoll kommen die Gewaltszenen daher. Zum Glück sind sie nicht allzu zahlreich. Aber wer nun ein Mitleidsplädoyer für Opfer-Frauen erwartet, wird beizeiten ernüchtert. Kommt erst der richtige Moment in ihrem Leben, wehren sich die Frauen mit einem Maß an Gewalt, das dem der Männer an Grausamkeit in nichts nachsteht.

Auch von liebevollen Männern ist in dem Buch die Rede. Von Aliides Schwager, der seine Frau über alles liebt. Von Aliides Ehemann, der sich rührend um die gemeinsame Tochter kümmert. Nein, Oksanen zeichnet zum Glück kein langweiliges Schwarz-Weiß-Porträt von Männern und Frauen. Der Mensch oder das Leben an sich wird als brutal beschrieben. Gewalt erzeugt eben Gegengewalt.

Fazit: Keine leichte Lektüre für zwischendurch, aber zwei sehr spannende Lebensgeschichten, die durch das Estland der 30er bis 50er Jahren führen und die Zeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR nachzeichnen. Die Lebensläufe sind komplex, viele unerwartete Wendungen lassen an keiner Stelle Langeweile aufkommen. Warum sollte ich nicht auch mal mit Alice Schwarzer einer Meinung sein.

Sofi Oksanen: Fegefeuer. btb Verlag, München 2012.
ISBN: 978-3-442-74212-7

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6 Antworten zu Sofi Oksanen: Fegefeuer

  1. Ménard schreibt:

    Aha. Sie lebt noch. Besser als nichts. Ich habe keine Ahnung, wieso du ausgerechnet auf diese Bücher kommst. Manchmal macht es mich perplex. Wirklich. John Sinclair war auch nicht übel…

  2. brunnenwaechterin schreibt:

    Ich vertrete gerne eine klare Linie;-) Aber als nächstes kommt was Fröhlicheres, versprochen.

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Ich habe das Buch unheimlich gerne gelesen, wenn man das bei dem schweren Inhalt überhaupt sagen kann. Sofi Oksanen ist eine spannende Autorin und ich hoffe, dass ich bald die Zeit dazu finden werde, auch ihren zweiten Roman zu lesen, auf den ich schon sehr neugierig bin. 🙂

  4. brunnenwaechterin schreibt:

    Ja, sie schreibt auf jeden Fall sehr, sehr spannend. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke vom zweiten Roman. Ich denke, ich werde auch irgendwann mehr von ihr lesen wollen, aber erst mal brauche ich etwas leichtere Kost;-)

  5. flattersatz schreibt:

    Liebe brunnenwächterin, deine eingangsfrage, ob auch männer durch das buch gefesselt wären, kann ich positiv beantworten.. ;-). Ich freue mich sehr, daß du es wieder mal besprochen und vorgestellt hast, es hat viele leser verdient!
    lg
    fs

    • brunnenwaechterin schreibt:

      Lieber Flattersatz, das hab ich mir doch gedacht, dass es da ein paar männliche Anhänger geben muss;-) Auch wenn es um Frauen geht, manche der Themen wie z.B. Eifersucht oder Rache sind einfach nur menschlich. Ich bin gespannt auf ihre anderen Bücher, die Autorin hat mich doch sehr beeindruckt. VG

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