Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms

FerrariManche Geschichten faszinieren mich, weil sie so ganz anders als meine eigene Welt sind. Krimis und Thriller gehören hierzu, historische Romane oder Abenteuergeschichten. Die Faszination liegt im Anderssein. Dann gibt es Geschichten, die scheinen aus dem eigenen Leben gegriffen. Weil sie sich mit den ganz alltäglichen und menschlichen Dingen auseinander setzen. Darin erkenne ich mich selber wieder. Und dann gibt es die Geschichten, die auf ganz wunderbare Art das Fremde und das Persönliche verbinden. So ein Roman ist Jérôme Ferraris Predigt auf den Untergang Roms.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine kleine Bar in einem Bergdorf auf Korsika. Eines Tages verschwindet die Kellnerin, um an einem anderen Ort ihr Glück zu versuchen. Nach verschiedenen Pächtern, die die Besitzerin durch Misswirtschaft fast in den Ruin treiben, beschließen zwei junge Männer – Matthieu und Libero – die Bar zu übernehmen. Ihr neues Konzept hat Erfolg: Mit einer Schar junger und lebenslustiger Kellnerinnen machen sie die Bar zu einer Attraktion der Einheimischen. Vornehmlich der Männer.

Überhaupt erzählt diese Geschichte vor allem von Männern. Von Matthieus Großvater Marcel Antonetti. 1919 auf Korsika geboren, wird ihm das Eiland bald zu klein. Frisch verheiratet, tritt er seinen Dienst in der Verwaltung der französischen Kolonien an. Alles Korsische ist ihm verhasst. Seine Frau, die er abgöttisch liebt, versteckt er vor der Öffentlichkeit, zu sehr schämt er sich ihres korsischen Dialekts. Nach dem Untergang der Kolonien lässt er seine ursprüngliche Identität endgültig hinter sich und verschwindet in der Anonymität von Paris.

Ein paar Jahrzehnte später verliert sich sein Enkel Matthieu in einer ähnlichen Identitätskrise. In Frankreich aufgewachsen, zieht es ihn wie magisch nach Korsika – bis er sich schließlich entschließt, sein Studium abzubrechen und mit seinem Jugendfreund die Bar zu übernehmen.

Der rote Faden, der sich bereits im Titel andeutet und sich im Hintergrund durch das Buch zieht, sind die Predigten des Augustinus, der 410 n.Chr. in Hippo Regius in Nordafrika vom Untergang Roms erfährt. Für Augustinus bedeutete jedoch der Niedergang Roms keineswegs den Niedergang der Welt. Er glaubte an den ewigen Kreislauf des Lebens.

Untergänge gibt es in dem Roman viele: Private Katastrophen, Todesfälle, nationale Niederlagen. Doch das Buch ist alles andere als pessimistisch. Ganz in der Tradition des Augustinus, sieht auch Ferrari in jedem Untergang einen Neubeginn. Die Dinge nehmen auf natürliche Weise ihren Lauf, Ende und Anfang gehen ineinander über. So wie ich es aus meinem eigenen Leben kenne.

Das Buch erhielt 2012 den Prix Goncourt. Sicher auch wegen seiner Sprachgewalt, die man auch in der sehr gelungenen deutschen Übersetzung spürt. Ferrari schreibt in einer so kraftvollen und dichten Sprache, dass man kein Wort missen möchte. 

Den Roman gibt es als Print und als E-Book. Ganz ehrlich, bei dem schönen Leineneinband und der überzeugenden Papierqualität fiel mir die Wahl dieses Mal nicht schwer.

Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms. Secession Verlag für Literatur,
Zürich 2013. ISBN: 978-3-905951-20-2

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2 Antworten zu Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Oh toll, hier eine Rezension zu diesem Roman zu finden … 🙂 Er liegt hier schon im Regal und wartet darauf gelesen zu werden, nun freue ich mich noch mehr auf die Lektüre!

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