Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story

ShteyngartIch habe vor vielen Jahren ein Abkommen mit meiner Personenwaage geschlossen. Unsere morgendliche Kommunikation bleibt bis auf Weiteres unter uns. Ich finde, das geht niemanden etwas an. Aber manch anderer postet ja nicht nur fleißig seine Diätfortschritte auf Facebook, sondern hält auch mit anderen persönlichen Infos nicht hinterm Berg.

Wie wäre es aber, wenn wir die Informationen über uns gar nicht mehr steuern könnten? Wenn unsere Daten jederzeit für alle verfügbar wären? In Shteyngarts Super Sad True Love Story liest sich das ungefähr so: Jahreseinkommen im Schnitt 289k USD. Derzeitiger Blutdruck 120 zu 70. Blutgruppe 0. Lebenserwartung 80 Jahre, Kaufkraft 1,2 Mio. pro Jahr. Sexuelle Vorlieben anal/oral. Selbstwertgefühl durchschnittlich, und, und, und… Datenströme, wohin man sieht.

Eine düstere Zukunft zeichnet Shteyngart in dieser Dystopie von Amerika. Die USA sind wirtschaftlich so gut wie am Ende. Brasilien, Indien und China geben inzwischen den Ton an. Trotz der desolaten wirtschaftlichen Lage ist der Konsum die einzige Daseinsberechtigung der Amerikaner.

Der Protagonist Lenny, Büchernerd und mir schon allein deshalb sympathisch, kehrt nach einem Jahr in Rom mit seiner Eroberung Eunice in die USA zurück. Das alltägliche New Yorker Leben ist bestimmt von Jugendwahn, 24 Stunden-Pflichtkonsum und finanziellem Erfolgsdruck. Lenny besteht zwar jede Bonitätsprüfung an den Kreditmasten am Straßenrand, erscheint aber mit seinen bereits 39 Jahren (!) und folglich schlechten biologischen Werten für alle sichtbar immer wieder im Stream „101 Leute, die uns leidtun sollten“. Irgendwie passt er nicht so ganz in diese neue Welt: Beziehungen sind ihm wichtig, Familie und natürlich seine Bücher.

Während Lenny Tagebuch (!) schreibt, bloggt und chattet seine 24jährige Eunice, betreibt 24 Stunden-OnlineShopping und träumt von einem Job in der Konsumwirtschaft.

Gegensätzlicher kann ein Paar kaum sein. Und trotzdem finden sich die beiden irgendwie. Eine sehr traurige, aber auch wahrhaftige Love Story, weil sie zwar immer wieder schmerzhaft feststellen müssen, dass sie nicht zusammenpassen, aber mit der Zeit im Anderen auch ihre ganz persönlichen, wahren Werte erkennen.

Einige Passagen des Romans erinnern mich an David Mitchells Zukunftsvisionen im Wolkenatlas. Aber Shteyngarts Welt ist um Einiges realistischer. Zu viele Dinge aus unserer Welt haben noch Bestand, heutige Tendenzen haben sich teilweise bestätigt: Rankings, wohin man sieht, ein extremer Körperkult, stündliche Live-Streams zu den Wichtig- und Nichtigkeiten des Universums. Aber gerade weil dem Leser die Welt im Ansatz vertraut ist, beschleicht einen manchmal ein merkwürdiges Gefühl. Z. B. wenn Eunice das Auftauchen einer Frau kommentiert: Das ist doch die Schauspielerin aus den Pornos, die wir damals immer im Kindergarten gesehen haben…

Trotzdem, den Shteyngart nachgesagten Kulturpessimismus erkenne ich nur bedingt in dem Buch. Die Lebensumstände sind zwar alles andere als erstrebenswert, aber die Menschen haben sich im Grunde kaum geändert. Menschlichkeit, Empathie und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit – diese Werte haben überdauert. Sad, true and beautiful. Wenn man bei manchen Figuren auch etwas tiefer nach den inneren Werten graben muss. Sie wirken nur seltsam verloren in dieser neuen Welt.

Fazit: Absolut lesenswert, auch für Nicht-Fantasy-Liebhaber. Keine Langeweile auf keiner Seite. Und sehr schön getextet.

Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story.
Rowohlt Taschenbuchverlag Reinbek 2013. ISBN: 978-3-49925500-7

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2 Antworten zu Gary Shteyngart: Super Sad True Love Story

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für die schöne Rezension! 🙂 Ich habe von Gar Shteyngart bisher noch nichts gelesen, war aber letzte Woche über seinen Namen gestolpert, da er mittlerweile zu einem der bekanntesten blurb-Schreiber überhaupt gehört – blurbs sind diese kleinen Zitate auf den Buchrücken der Bücher. Dieses Buch wandert nun auf jeden Fall auf meine Wunschliste. 🙂

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