Grandios trotz Anlaufschwierigkeiten: Margaret Mazzantinis „Das schönste Wort der Welt“

MazzantiniAm schönsten sind die Bücher, die mich gleich auf der ersten Seite in ihren Bann ziehen. Das sind normalerweise auch die Bücher, die ich am schnellsten verschlinge. Es gibt aber auch ganz andere Exemplare. Langeweile seitenlang. Manche bekommen keine zweite Chance und wandern sofort auf den „Vielleicht-was-für-meine-Nachbarn-Hausflurablage-Stapel“. Da kann ich streng sein.

Das schönste Wort der Welt hätte ein ähnliches Schicksal ereilt – wäre es nicht erstens eine Empfehlung von meiner Freundin Anne, die zweitens auch einen guten Buchgeschmack hat. Einige unglückliche Ort-, Zeit und Perspektivenwechsel machten den Anfang mehr als mühsam. Als wäre das Buch von hinten nach vorne lektoriert worden und der Lektor bei Seite 100 tot umgefallen.

Aber von vorne. Eine Liebes- und Schicksalsgeschichte würde ich den Roman nennen, gewürzt mit einer Prise Kriegsroman. Diego und Gemma lernen sich 1984 in Sarajevo während der Olympischen Spiele kennen, und ihr gemeinsames Leben lässt sich vielversprechend an. Sie ziehen nach Rom in einen dieser chicen alten Paläste und starten vielversprechende Karrieren als Fotograf und Redakteurin. Nur mit dem Kinderwunsch klappt es nicht. Es beginnt eine Odyssee durch Kliniken, Ämter und Adoptionsstätten, die schließlich zu einer Leihmutter in der Ukraine führt. Doch auch dieser Versuch misslingt. Während eines Zwischenstops in Sarajevo bietet sich ihnen eine neue Gelegenheit, doch noch Eltern zu werden. Doch inzwischen spitzt sich der Balkankonflikt zu und Sarajevo wird belagert. Tragisch wird es. Unerwartete Dinge geschehen. Mehr wird nicht verraten, das würde das Lesevergnügen doch sehr schmälern.

Die Liebesgeschichte ohne den Hintergrund von Scharfschützen, Hunger und alltäglicher Gefahr wäre bloßer Kitsch geblieben. Aber der Roman lebt von dem Kontrast. Ich würde fast sagen, ohne die Liebesgeschichte wäre der Kriegsroman kaum zu verdauen gewesen. Man hält sich bei all den Greueltaten an den Figuren fest, die trotz ihrer Fehler und Schwächen sehr liebevoll beschrieben werden. Das kann sie, die Frau Mazzantini, mit der ihr sehr eigenen emotionalen Sprache.

Überraschenderweise hat mich das Buch dann doch noch so gepackt, dass ich es trotz dem missratenen Anfang zu meinen Lieblingsbüchern der letzten Jahre zähle. Das Buch wurde bereits verfilmt und soll noch dieses Jahr in die deutschen Kinos kommen. Aber ich glaube, da verzichte ich. Da lese ich lieber das Buch nochmal. Ab Seite 100.

Margarat Mazzantini: Das schönste Wort der Welt
DuMont Buchverlag Köln 2011. ISBN: 978-3-8321-9536-6

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2 Antworten zu Grandios trotz Anlaufschwierigkeiten: Margaret Mazzantinis „Das schönste Wort der Welt“

  1. Kekstesterin schreibt:

    Oh wie schön, sogar unter die Lieblingsbücher 2012 geschafft!

  2. brunnenwaechterin schreibt:

    Ja, dank deiner Empfehlung;-)

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