Von Afghanistan bis Zypern: Was man wirklich über unsere Welt wissen muss. Doktor Oldales geographisches Lexikon

DoktorOldale„Dies ist ein unmodernes Buch, weil ich ein unmoderner Mensch bin. In einer Ära der Spezialisten, in der es möglich ist, ein Buch von 288 Seiten über Die sich wandelnde Welt der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu schreiben, ist es mein Pech, dass ich ein ähnlich umfangreiches Buch schreiben wollte, das den ganzen Erdball zum Thema haben sollte.“ So das Vorwort von Doktor Oldales geographischem Lexikon.

Unmodern sind sie geworden, die gedruckten Lexika. Im Wohnzimmer meiner Eltern stand noch ein sechsbändiger Brockhaus aus den 60ern Jahren. Meine ausgesprochenen Lieblingsseiten waren die Einträge zu Rassen und Menschenrassen. Das galt in den 60er Jahren noch als Wissenschaft und wurde mit zahlreichen Bildern gewürdigt. Enttäuscht war ich nur vom Repräsentanten der Indianer, der mit seinen mindestens 70 Jahren und drei kümmerlichen Federn auf dem Haupt so gar nicht meiner romantischen, Winnetou-geprägten Vorstellung eines Apachen ähneln wollte. Spannend waren auch die Seiten zum Eintrag Mensch. Ein Extrateil von mehreren Seiten aus durchsichtiger Folie, auf die jeweils nur Organe, Skelett, Blutbahnen etc. gepinselt waren und die – übereinander gelegt – den kompletten menschlichen Körper abbildeten. Mehr Interaktivität boten damals nur die Pop-up-Bücher.

Natürlich gab es auch Einträge zu den Ländern dieser Welt. Da hat sich auch bei Wikipedia nicht viel geändert: Hauptstadt, geographische Lage, Regierungsform. Damals so langweilig wie heute. Da kommt ein Länderlexikon wie Doktor Oldales geographisches Lexikon gerade recht. Hier gibt es keine langweiligen Aufzählungen von Fauna, Flora und Flüssen, sondern spannende Informationen, die man an anderer Stelle so konzentriert nicht findet. So erfährt man über Italien, dass die Carbonara- Soße 1942 kreiert wurde, um die Eier- und Speckrationen der GIs zu verarbeiten. Und die englisch-holländische Kreolsprache Taki-Taki hat nur 340 anerkannte Wörter, wird aber trotzdem erfolgreich als Surinams Lingua Franca genutzt. Alle Einträge sind versehen mit zahlreichen Abbildungen und Zeichnungen.

Großartige Zwischendurch-Unterhaltung, bei der man viel lernen kann und so manches Land mit Imageschaden wieder in sein Herz schließt. Seit der Lektüre denke ich bei Belgien nicht mehr an Marc Dutroux, sondern daran, dass Belgiens höchster Punkt ein Parkplatz mitten im Hochmoor ist. Das ist doch was.

Und auf Seite 73 gibt es auch einen waschechten Afar-Nomaden zu sehen!

John Oldale: Doktor Oldales geographisches Lexikon. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2012. ISBN: 978-3-499-62954-9

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Eine Antwort zu Von Afghanistan bis Zypern: Was man wirklich über unsere Welt wissen muss. Doktor Oldales geographisches Lexikon

  1. Kekstesterin schreibt:

    Oh ja, klingt als wolle ich das bald lesen!

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