Krieg und Liebe. Linus Reichlins neuer Roman „Das Leuchten in der Ferne“

ReichlinManche Autoren haben ihre ganz eigene Sprache, ihre persönlichen Themen, typische Figuren. Finde ich daran Gefallen, erhält der Autor das Prädikat Verlässlich gut. Ich weiß vielleicht vorher nie genau, was ich bekomme, aber ich weiß aus Erfahrung, dass es mir gefallen wird.

Allerdings ist die Gefahr groß, dass irgendwann der Sättigungseffekt eintritt. John Irvings Neuerscheinungen mit seinen schrägen Figuren lassen mich inzwischen kalt. Für Leon de Winters Charaktere hätte ich mir mal ein anderes Umfeld gewünscht als die niederländisch-jüdische Gemeinde. So sehr mich diese Autoren anfangs begeisterten, so sehr langweilten mich irgendwann ihre Wiederholungen.

Linus Reichlin hat diesen Sättigungseffekt bisher (noch) nicht erreicht. Obwohl ich mir auch nach der Lektüre seines letzten Buches Das Leuchten in der Ferne sicher war: Den Autor hätte ich auch ohne Buchumschlag erkannt. Sein Erfolgsrezept lautet: Männlicher Protagonist im fortgeschrittenen Alter, von Einsamkeit geplagt, trifft auf geheimnisvolle Frau, die ihn in eine komplizierte Geschichte verwickelt. Die Ereignisse führen beide im Laufe der Geschichte in fremde Länder. Dieses Prinzip funktioniert bei Reichlin nun schon zum vierten Mal. Ohne langweilig zu werden.

In Das Leuchten der Ferne heißt der einsame Held Moritz Martens. Einst erfolgreicher Kriegsberichterstatter, kämpft er nun wie viele andere Journalisten um neue Aufträge. Bilder sind in der Gesellschaft wichtiger geworden als spannende Text-Reportagen. Durch Zufall lernt er Miriam Khalili kennen. Sie erzählt ihm von einem afghanischen Mädchen, das als Junge verkleidet für die Taliban kämpft. Das Mädchen bietet ihre Geschichte gegen 10.000 Euro Interviewhonorar. Moritz reist nach Afghanistan, Miriam begleitet ihn als Fotografin. Schon bald wird klar, dass Miriams Mission eine ganz andere ist.

Kann man einen Roman über ein Land schreiben, das man selber nie bereist hat? Dieser Vorwurf zumindest wird Reichlin oft gemacht. Abenteuerklischees à la Karl May werden ihm vorgeworfen. Wenn nun Kritiker den Anspruch haben, dass alle Romane auf persönlichen Erfahrungen beruhen, dann hätten wir entweder keine spannenden Bücher mehr oder wären von wahnsinnig gewordenen Schreibern umgeben.

Ein Roman lebt von der Fantasie und der Vorstellungskraft seines Autors. Dann kann man auch – wie Reichlin – an der Zossener Straße in Berlin eine S-Bahn fahren lassen.

Linus Reichlin: Das Leuchten in der Ferne
Galiani Verlag Berlin 2013. ISBN: 978-3-86971-053-2

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