Lisa O’Donnell: Bienensterben

GŠrtner_Roth_Benehmt euch_ebook.indd„Heute hab ich meine Eltern im Garten begraben. Geliebt wurden sie beide nicht“. So der Prolog aus Lisa O’Donnells großartigem Roman Bienensterben. Die Einführung weckte bei mir zunächst Erwartungen in Richtung Brutalo-Literatur à la Stieg Larson. Weit gefehlt – Bienensterben erzählt von Bindungen und Freundschaften, einer Geschwister-Hassliebe und einer zerbrochenen Familie im heutigen Glasgow.

Ein Jahr aus dem Leben von Marnie, Nelly und ihrem schwulen Nachbarn Lennie schildert der Roman. Marnie und Nellys Eltern sind zu Beginn der Geschichte bereits tot. Der Vater wurde ermordet – von einer der beiden Schwestern, so viel scheint klar -, die Mutter hat sich erhängt. Da beide Mädchen noch minderjährig sind, scheinen die Konsequenzen vorhersehbar: Jugendgefängnis, Heim, Erziehungsanstalt. Also begraben sie ihre Eltern, erzählen von einer Reise der beiden in die Türkei und versuchen mit den Schecks von der Wohlfahrt und Gelegenheitsjobs ihr Leben zu bestreiten. Dabei steht ihnen der alte Nachbar Lennie so gut es geht zur Seite.

Der Roman ist aus Sicht der drei Protagonisten geschrieben. Die Perspektiven von Marnie, Nelly und Lennie wechseln sich ab und erzählen im Rückblick von einem verwahrlosten Elternhaus, Junkie-Eltern, einem gewalttätigen Großvater. Und vom Versuch der Schwestern, den Dealerkollegen des Vaters und neugierigen Nachbarn, Lehrern und Erziehern aus dem Weg zu gehen. Marnie hält als Ältere die Fäden in der Hand. Nellys Beiträge gelangen in der ersten Romanhälfte jeweils kaum über eine halbe Seite hinaus. Aber auch sie versucht, die Kontrolle über die Situation zu erlangen und findet Seite für Seite zu ihrer Stimme zurück.

Schonungslos und schnoddrig der Stil von Marnie, eine ungewöhnlich erwachsen wirkende Nelly und der stets besorgte Lennie – jede Figur entwickelt ihre ganz eigene Sprache und Sicht auf die Dinge. So setzt sich Stück für Stück eine Familientragödie zusammen, die sich von dem tristen Glasgower Hintergrund kaum abheben kann. Doch trotz der widrigen Umstände bewahren sich die Schwestern ein Stück weit Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In beiden entdeckt man im Laufe der Lektüre Talente und menschliche Stärken, die auf ein winziges Happy End hoffen lassen.

Fazit: Ein Roman, der trotz des Themas Nächstenliebe an keiner Stelle in Kitsch oder Klischees abrutscht. Unverblümt und ungeschönt. Vielleicht gerade deshalb sehr lesenswert.

Lisa O’Donnell: Bienensterben. DuMont Buchverlag, Köln 2013
Print-ISBN: 978-3-8321-9728-5

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Alina Bronsky: Nenn mich einfach Superheld

BronskyDieses Mal habe ich keinen Debütroman erwischt. Alina Bronsky hat sich in der Literaturwelt längst einen Namen gemacht. Ihr Debüt Scherbenpark wurde schon vor Jahren gefeiert und der Romanstoff inzwischen verfilmt. Trotzdem ist Nenn mich einfach Superheld mein persönliches Bronsky-Debüt – aus welchem Grund auch immer haben sich ihre Wege und die meiner Lesegewohnheiten bisher nicht gekreuzt. Was sie aber in der Zukunft sicher noch öfter tun werden.

Der Roman erzählt die Geschichte des Teenagers Marek, der sich nach einem Zusammenstoß mit einem Rottweiler und diversen Bisswunden an Kopf und im Gesicht nicht mehr in sein altes Leben zurücktraut. Fortan versteckt er nicht nur sein Gesicht, sondern sein ganzes Ich hinter schwarzen Sonnenbrillen und schiebt die Gläser von Sonnenauf- bis -untergang zwischen sich und den Rest der Welt.

Bis seine Mutter ihn unter falschem Vorwand in eine Selbsthilfegruppe mit anderen versehrten Jugendlichen lockt. Er will schon in der Tür wieder umkehren, als er Janne entdeckt. Er beschließt „nie mehr von diesem Ort wegzugehen“ und den Rest des Lebens damit zuzubringen, „diese märchenhafte Schönheit anzusehen“. Doch kaum fasst Marek etwas Vertrauen in die Gruppe, erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters. Er muss in die Stadt seiner Kindheit zurückkehren und sich mit seiner Vergangenheit, seinem kleinen Halbbruder, einer 25jährigen ukrainischen Stiefmutter und letztendlich sich selber auseinandersetzen.

Auch wenn es die Handlung zunächst nicht vermuten lässt, Nenn mich einfach Superheld gehört für mich in die Ecke „schwarz-humorig bis leichtfüßige Literatur“. Die Engländer sind Meister darin, Nick Hornby hat es mehrfach vorgemacht. Bronsky hat aber definitiv etwas mehr Tiefgang als der englische Kollege. Bei ihr geht es um Schicksale und Verirrungen, die Suche nach der eigenen Identität und letztendlich um das Erwachsenwerden – oder nennen wir es Reife, denn nicht nur die Teenager müssen in diesem Roman kräftig rudern, um ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Fazit: Wer bissigen Humor und etwas Leichtfüßigkeit liebt, ohne auf Tiefgang und Ernsthaftigkeit zu verzichten, ist hier richtig. Ich bin jedenfalls gespannt auf Scherbenpark.

Alina Bronsky: Nennmich einfach Superheld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013 Print-ISBN: 978-3-462-04462-1

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M. L. Stedman: Das Licht zwischen den Meeren

Foto-7Je kürzer die Tage werden, desto langsamer wird mein Leserhythmus. Zwei Wochen habe ich an meinem letzten Roman gelesen – und das lag nicht an der Qualität des Textes! Aber vielleicht gehört Das Licht zwischen den Meeren einfach nur zu den Romanen, die spannend genug sind, um sie gerne zu lesen, aber keine so dichte Handlung aufweisen, als dass man von Neugierde getrieben ungewollt in einen Lesemarathon verfällt. Langsam genießen, so würde meine „Leseanweisung“ lauten.

Das Licht zwischen den Meeren ist mal wieder ein Debütroman. Aus Australien stammt die Autorin, die zur Zeit in London wohnt. In 32 Sprachen wurde der Roman bereits übersetzt, mehr kann man sich für ein Debüt eigentlich gar nicht wünschen. Eine Neuentdeckung war für mich in dem Zuge auch der Limes Verlag. Unterhaltungsliteratur mit Anspruch – so würde ich das Programm nach Stedmans Lektüre und Begutachtung der Verlagswebseite einschätzen.

Diesmal also Australien. Aber wer jetzt eine Geschichte inmitten von Aborigines und Kängurus erwartet, wird schnell enttäuscht. Ein Leuchtturm bzw. eine Leuchtturminsel ist der Hauptschauplatz des Romans. Von australischer Wildnis ist wenig zu spüren, eher vielleicht noch von der Lebensart der Bewohner. Tom Sherbourne übernimmt Anfang der 20er Jahre den Betrieb des Leuchtturms und zieht mit seiner Frau Isabel auf die einsame Insel. Ein Leben in Einsamkeit führen sie, nur alle 18 Monate steht ein Landurlaub an, alle 6 Monate erhalten sie neue Vorräte über ein Versorgungsboot. Der Roman wirkt  streckenweise wie ein Zwei-Personen-Bühnenstück, auf dem die wenigen Nebenfiguren vom Boot aus ins Geschehen eintreten.

Tom und Isabel sind jung verheiratet und wünschen sich Kinder, aber Isabel erleidet eine Fehlgeburt nach der nächsten. Als sie gerade ihr letztes Kind nur wenige Wochen vor der Geburt verliert, treibt ein Ruderboot an den Strand der Insel. An Bord befinden sich ein Toter und ein wenige Wochen altes Baby. Aus dem anfänglichen Gedanken, die Meldung ans Festland nur wenige Stunden herauszuzögern, entsteht bald die Idee, die Existenz des gestrandeten Bootes ganz zu verleugnen und das Kind als ihr eigenes auszugeben. Der Vater ist tot und eine Strickjacke weist darauf hin, dass die Mutter über Bord gegangen ist. Wer sollte das Kind also vermissen? Wir schreiben die 20er Jahre und das Kind würde mit Sicherheit in einem Waisenhaus landen. Muss man nicht alles tun, um ihm dieses Schicksal zu ersparen?

Doch das Baby wird vermisst. Das erfahren die beiden 18 Monate später bei ihrem Landurlaub. Aber wie soll man die Tat zu diesem Zeitpunkt noch rückgängig machen? Der Roman erzählt von dem immer unerträglicher werdenden Konflikt, der sich aus unendlicher Elternliebe und quälenden Gewissensbisse gegenüber der „anderen“ Familie ergibt.

Das Licht zwischen den Meeren konzentriert sich vor allem auf die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Figuren. Dabei rückt die Handlung in den Hintergrund und nimmt nur wenige spektakuläre Wendungen. Die Beschreibung der Figuren und ihrer Gewissenskonflikte beschreibt Stedman jedoch intensiv und auf eine sehr sensible Art. Für mich liegt auch genau hier die Überzeugungskraft des Romans.

Ich war überrascht, wie gelungen der Text sprachlich die 20er Jahre spiegelt. Streckenweise hatte ich den Eindruck, ich lese einen 100 Jahre alten Roman und keine Neuerscheinung. Vielleicht ist dies auch der Langsamkeit des Textes geschuldet, der in rein gar nichts an die Hektik unserer Tage erinnert.

Fazit: Ein angenehm langsamer Roman, der im Großen und Ganzen auf Crime und Action verzichtet, um sich ganz seinen Figuren und ihren Beziehungen zu widmen.

M. L. Stedman: Das Lichte zwischen den Meeren. Limes Verlag München 2013.
Print-ISBN: 978-3-8090-2619-8

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Kate Atkinson: Die Unvollendete

AtkinsonWenn man die Chance hätte, sein Leben immer wieder neu zu beginnen und Fehler zu korrigieren, würde man letztendlich wirklich ein perfektes Leben leben können? Um diese Frage geht es bei Kate Atkinsons Roman Die Unvollendete.

Kate Atkinson war mir bisher ehrlich gesagt kein Begriff. Vielleicht weil sie normalerweise eher in der Krimi-Ecke zu finden ist? Ich wurde das erste Mal auf ihren Namen aufmerksam, als der Droemer Verlag ihren Besuch bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ankündigte – der dann aber leider ausfallen musste. Trotzdem, die Idee zum Buch fand ich charmant und ich wurde auch von der Umsetzung nicht enttäuscht.

Der Roman erzählt die Geschichte – oder besser gesagt (Alternativ-) Geschichten der Ursula Todd. 1910 wird sie in England geboren, doch der erste Start ins Leben geht schief: Sie wird von der Nabelschnur erwürgt und stirbt, ohne einen Blick auf die Welt werfen zu können. Ursula erhält eine zweite Chance, und dieses Mal geht alles gut. Nach diesem Muster ist der Roman aufgebaut. Ursula scheitert immer wieder an verschiedenen Punkten ihres Lebens. Als kleines Mädchen rutscht sie vom Dach und ertrinkt im Meer, später stirbt sie an der spanischen Grippe oder begeht Selbstmord im Berlin der letzten Kriegstage 1945.

Doch sie erhält immer wieder die Chance, zu ihrem persönlichen Punkt Null im Jahr 1910 zurückzukehren. Bewusst ist ihr dies nicht. Sie leidet lediglich an einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Déjà Vus. Sobald ihr eine Situation vertraut vorkommt,  handelt sie instinktiv anders, und verbessert dabei nicht nur die Qualität ihres eigenen Lebens, sondern auch das ihrer Nächsten. Doch über einen bestimmten Punkt scheint sie nicht hinauszukommen. Führen anfangs die Korrekturen noch zu einem längeren und erfüllteren Leben, muss sie bald an anderen Stellen Abstriche machen, um manche Fehler wirklich vermeiden zu können.

Beim Lesen fühlte ich mich sehr an die britische TV-Serie Downton Abbey erinnert, die im England zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt. Zwar geht es bei Atkinson nicht um den Adel, sondern lediglich um eine gut situierte englische Familie. Doch auch in Die Unvollendete spielen natürlich der Erste Weltkrieg und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen dieser Zeit eine große Rolle. Die Engländer scheinen z. Zt. diese Epoche für sich entdeckt zu haben.

Mir hat der Roman ausgesprochen gut gefallen. Man begleitet einen Menschen, der verzweifelt versucht, für sich selber und für seine Familie das Beste aus der Welt herauszuholen, und dabei immer wieder scheitern muss. Kleine Details und Wendungen entscheiden dabei über den Verlauf eines ganzen Lebens. Z. B. ob man den zweiten Weltkrieg als Bombenhelferin in London verbringt oder als enge Freundin von Eva Braun auf dem Berg. Der Roman ist somit auch ganz nebenbei ein interessanter Streifzug durch die deutsche und englische Geschichte der 30er und 40er Jahre.

Kate Atkinson: Die Unvollendete. Droemer Verlag München 2013
Print-ISBN: 978-3-426-19981-7

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Ernst Haffner: Blutsbrüder

HaffnerBei den vielen Neuerscheinungen des Herbstes wird mir langsam schwindelig. Es ist schon eine Herausforderung, unter der Vielzahl der neuen Bücher auch das richtige zu finden. Mit Blutsbrüder lag ich 200% richtig und habe dabei auch noch einen neuen Verlag für mich entdeckt. Der Metrolit Verlag verlegt vor allem Großstadt-Bücher: Romane, Erzählungen und Graphic Novels, zum Beispiel über Berlin.

Als Berlinerin mit Interesse an neuerer Geschichte konnte ich mit Blutsbrüder aus dem Jahr 1932 nicht viel falsch machen. Ich erwartete eine mehr oder weniger traurig-faszinierende Geschichte im Stil von Fallada. Doch Blutsbrüder ist mehr als eine Alltagsgeschichte vor historischem Hintergrund. Es ist ein Stück Zeitzeugnis, ein detailliertes Porträt einer ganzen Gesellschaftsgruppe in Romanform. Schon ein Jahr nach Erscheinen wurde das Buch von den Nazis verboten und verbrannt. Nun hat es der Metrolit Verlag wiederentdeckt und neu verlegt.

Blutsbrüder nennt sich eine Clique von neun obdachlosen Jugendlichen im Alter von 16 bis 21 Jahren. Sie sind eine Bande unter vielen, in denen sich Jugendliche im Berlin der 20er und 30er Jahren organisieren. Sie sind späte Opfer des ersten Weltkrieges. Elternlos finden sich viele in den staatlichen Fürsorgeanstalten wieder, in denen physische und psychische Gewalt an der Tagesordnung sind. Der eine oder andere wagt die Flucht, das Ziel ist stets Berlin. Nur die Großstadt bietet einerseits die nötige Anonymität um unterzutauchen und andererseits genug Gleichgesinnte, um Anschluss zu finden. Denn allein auf sich gestellt, ohne Papiere und mit dem Namen auf der Fahndungsliste, ist ein Überleben kaum möglich. Doch die Cliquenmitglieder halten nicht nur aus rein praktischen Gründen zusammen. Untereinander finden sie das nötige Maß an sozialer Wärme und Unterstützung, um das Leben auf der Straße überhaupt auszuhalten.

Ernst Haffner war als Sozialarbeiter in Berlin unterwegs, das merkt man dem Buch an. Im Detail beschreibt er den Lebensalltag der Jugendlichen, den Kampf um den nächsten Schlafplatz, die Prostitution, die unmenschlichen Fürsorgeanstalten, die ständige Flucht vor Polizei und Behörden. Aber auch wenn viele Bandenmitglieder auf der Strecke bleiben, so schreibt er auch von Freundschaft, Träumen und der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Blutsbrüder ist ein ungeschöntes Buch. Eine rauhe Geschichte vor rauhem Hintergrund. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die liebevolle Beschreibung der Figuren. Hinter Kriminalität, Gewalt und Prostitution bleibt bei Haffner stets der Mensch erkennbar. Er beschreibt seine Figuren als Opfer, nicht als Täter.

Und ja, warum sollen nicht auch Sozialarbeiter gut schreiben können?! Sprachlich überzeugt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit: Absolut lesenswert!

Ernst Haffner: Blutsbrüder. Ein Berliner Cliquenroman. Metrolit Verlag Berlin 2013
Print-ISBN: 978-3-8493-0068-5

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Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer

NayeriNach dem Comic und Film Persepolis, der mich schon restlos begeistert hatte, habe ich  nun auch einen sehr lesenswerten Roman über das Leben im postrevolutionären Iran entdeckt. Setzte sich Persepolis jedoch detaillierter mit den politischen Umwälzungen Ende der 70er Jahre auseinander, zieht sich Ein Teelöffel Land und Meer fast komplett in das Privatleben der Bewohner zurück.

Die Geschichte beginnt zwei Jahre nach der Revolution im Jahr 1981. Die 11jährige Saba verliert gleichzeitig ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester Mahtab. Wenn auch alle Welt vom Tod Mahtabs überzeugt ist, Saba hält an den Bildern ihrer Erinnerung fest: Sie hat ihre Mutter mit ihrer Schwester in Teheran in ein Flugzeug steigen sehen. Sie ist überzeugt, dass beide in den USA ein neues Leben ohne sie begonnen haben.

Der Roman erzählt vom Erwachsenwerden Sabas in einem Dorf im Norden des Landes. Ihr Vater ist konvertierter Christ und orientierte sich vor der Revolution sehr an der westlichen Kultur. Man ahnt schon zu Beginn, dass auch das Verschwinden seiner Frau mit den Werten der Familie in Zusammenhang stand. Schon aus diesen Gründen ist Sabas Vater darauf bedacht, nicht weiter aufzufallen. Er öffnet sein Haus gleichermaßen für Dorfbewohner und Mullahs, auf deren Schutz und Wohlwollen die kleine Familie von nun an angewiesen ist. Sabas heiß geliebte amerikanische Musik erhält sie ebenso wie englische Literatur und Filme nur noch auf heimlichem Wege über einen Verbindungsmann in Teheran. Bunte T-Shirts und lackierte Zehnnägel verschwinden nach und nach hinter immer farbloseren Gewändern.

Halt bekommt Saba von ihren beiden Jugendfreunden, der Dorfschönheit Ponneh und ihrer großen Liebe Reza. Dennoch verfolgt sie beharrlich ihren großen Traum: Den Iran zu verlassen und wie ihre Schwester in Freiheit in einem westlichen Land zu leben.

Ein Teelöffel Land und Meer ist ein grandios konstruierter Roman über den Alltag und das gesellschaftliche Leben im Iran der 80er und 90er Jahre. Wie das Dorfleben an sich, so gemächlich schiebt sich auch die Handlung des Romans voran – ohne dabei langweilig zu werden. Das Buch strahlt für mich trotz aller Ereignisse und Grausamkeiten eine gewisse Ruhe aus. Vielleicht liegt es an den geschlossenen Orten, die in dem Roman im Vordergrund stehen: Zu Hause spielt sich das gesellschaftliche und private Leben der Bewohner – vor allem der Frauen – ab. In den wenigen Szenen außerhalb der gewohnten Umgebung dominiert die Gewalt. Ein Marktbesuch führt zu einem Überfall der Sittenpolizei auf Ponneh wegen ihrer roten Schuhe. Bei einem Ausflug in einen Nachbarort wollen die jungen Frauen die Hinrichtung einer Muslimin mit heimlich aufgenommenen Fotos dokumentieren.

Trotz oder gerade wegen des einengenden Alltagsleben spielen jedoch auch die Fantasien eine große Rolle in dem Roman. Alle Sehnsüchte Sabas spiegeln sich in ihren Fantasien über das Leben ihrer Schwester in den USA wider. Als Geschichtenerzählerin unterhält Saba Nachbarn und Freunde mit den Abenteuern Mahtabs in Harvard, von ihren Sorgen und Nöten als Immigrantin, von ihren Männerbekanntschaften und Zukunftsplänen. Und malt sich dabei ihr eigenes Leben in nicht all zu ferner Zukunft aus.

Ein Teelöffel Land und Meer zählt für mich zu den besten Büchern dieses Jahres. Der Roman ist übrigens ein Debüt, ich bin gespannt auf den Nachfolger!

Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer. mareverlag Hamburg 2013
Print ISBN: 978-3-86648-013-1

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Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

BoianjiuMit gerade mal 25 Jahren hat die junge Israelin Shani Boianjiu einen Debütroman vorgelegt, der die Kritiker begeistert und der bereits in 19 Ländern zu lesen ist. Bis zum Erscheinen ihres ersten Romans veröffentlichte Boianjiu Erzählungen im New Yorker und der New York Times. Viele Elemente dieser Erzählungen finden sich nun in dem Roman wieder.

Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst ist ein Roman über das Erwachsenwerden. Die drei Freundinnen Lea, Avishag und Yael wachsen in einem Dorf nahe der libanesischen Grenze auf. Ihr Alltag ist geprägt von Langeweile – was soll man als Teenager in einem kleinen, künstlich hochgezogenen Dorf schon anstellen? Abwechslung bieten nur die heimlichen Liebschaften und die eine oder andere Party.

Gleich nach dem Abitur werden Lea, Avishag und Yael wie alle israelischen Frauen zum Militärdienst eingezogen. Yael landet an einem Stützpunkt nahe Hebron und bildet junge Rekruten an der Waffe aus, Avishag überwacht auf einem Monitor einen Grenzübergang zwischen Israel und Ägypten, während Lea an einem Posten palästinensische Bauarbeiter kontrolliert. Traumatische Erfahrungen als Folge des Militärdienstes und des bald einsetzenden zweiten Libanonkrieges bleiben nicht aus. Lea wird Zeugin, wie ein Palästinenser einem Kollegen die Kehle durchschneidet, Avishag wird mit den Leichen der Flüchtlinge in den Stacheldrähten des Grenzübergangs konfrontiert.

Doch trotz der erschwerten Bedingungen erkämpfen sich die drei Freundinnen ihren Freiraum um erwachsen zu werden. So ist Sex auch das Thema, das sich Seite für Seite durch den Roman zieht. Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst erzählt von drei Mädchen, die aufgrund der äußeren Umstände in Windeseile erwachsen werden müssen.

Nach dem Ende der Militärzeit muss jede für sich das Erlebte verarbeiten. Avishag verfällt in tiefe Depressionen und zieht wieder zu ihren Eltern. Lea rächt ihren ermordeten Kollegen durch Folter an einem Palästinenser. Yael begibt sich auf Weltreise und entflieht auf diese Weise auf etwas angenehmere Weise den Bildern der Vergangenheit.

Mich hat das Buch sehr überrascht. Das liegt zum einen an dem ungewöhnlichen Thema, kenne ich doch Geschichten mit militärischem Hintergrund eher aus der Filmwelt. Aber das Buch besticht vor allem durch seine Schnörkellosigkeit. Gut 300 Seiten raue Wirklichkeit, die durch nichts beschönigt wird. In mehr als einem Kapitel musste ich mir staunend in Erinnerung rufen, dass die Protagonistinnen noch halbe Kinder sind. Abgebrüht wirken ihre Erlebnisse und ihre Einstellung zum Leben. Es ist genau diese kuriose Verbindung von körperlicher Jugend und geistigem Erwachsensein, die diesen Roman zu etwas Außergewöhnlichem machen.

Sprachlich hat mich der Roman an einigen Stellen nicht ganz so überzeugt. Die Sprache reflektiert zwar gekonnt die schnoddrige Art der Protagonistinnen, wirkt aber an einigen Stellen doch zu unruhig. Durch den fehlenden Rhythmus erwecken einige Dialoge und Monologe einen etwas künstlichen Eindruck.

Trotzdem hat mich das Buch überzeugt. Wer sich von dem Thema Krieg und Militär nicht abschrecken lässt und auch vor einem rauhen Stil nicht zurückschreckt, ist hier richtig.

Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. Print ISBN: 978-3-462-04558-1

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